Computerspiele – von Spaß bis Sucht!

Nur noch das eine Level … und dann vergehen doch wieder Stunden im virtuellen Rausch, während das echte Leben auf der Strecke bleibt. Spielsucht ist ein ernstes Thema. Für Kinder und Jugendliche – aber auch für Erwachsene.

„Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich tun soll.“

Bei uns gilt am Essenstisch Handy- und Tabletverbot. Damit wird das gemeinsame Essen zur medialen Verschnaufpause und zur ganz altmodischen Zusammenkunft mit Raum und Zeit für gemeinsamen Austausch. Als ich das einer Bekannten erzähle, lacht die nur trocken auf. Das wäre in ihrer Familie undenkbar. Was sie mir dann über ihren 17-jährigen Sohn berichtet, bringt mich zum Nachdenken:

„Lukas ist in letzter Zeit kaum ansprechbar, isst wenig oder schlingt schnell, baut in der Schule ab, schwänzt sogar öfter, schläft schlecht, macht keinen Sport mehr und trifft sich nicht mehr mit Freunden. Außer mit dem “Elf HotRod69“ und dem Magier “gogogandalfo“, mit denen er fast täglich mehrere Stunden durch fremdartige Landschaften streift, Monster tötet und Items (Gegenstände) sammelt – online. Das geht jetzt schon seit Monaten so. Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich tun soll.“

Pure Daddel-Lust oder doch etwas Ernstes?

Ich höre Eltern oft darüber klagen, dass ihre Kinder einfach nicht mehr von den Computern, Handys, Tablets oder Spielekonsolen wegzukriegen sind. Aber diese Geschichte hier hört sich irgendwie ernster an. Es klingt nicht einfach nach pubertierendem „Null Bock auf nix außer aufs Daddeln“. Es klingt vielmehr nach echter Sucht. Aber gibt es das überhaupt? Eine Sucht nach Computerspielen?!

Eine neue Studie lieferte dazu kürzlich einige interessante Zahlen. Demnach spielen in Deutschland rund drei Millionen Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren regelmäßig Computerspiele. Rund 465.000 wurden als sogenannte Risiko-Gamer eingestuft, davon zeigten 3 % ein pathologisches, also krankhaftes Spielverhalten. Die meisten Risiko-Spieler gab es bei den Spielen Fortnite, Fifa und Minecraft. Für die repräsentative Studie hat das Forsa-Institut 1.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren befragt.

Gaming Disorder – seit 2018 anerkannt

Es gibt sie also wirklich, die Sucht nach Computerspielen. Die WHO nennt sie “Gaming Disorder” und hat sie 2018 als eigenständige Diagnose anerkannt. Diese bezieht sich auf Internet- und Videospiele, ganz gleich, mit welchem Endgerät.

Ab wann ist es Sucht?

Wann hört denn aber die gesunde Begeisterung für die digitalen Abenteuer auf? Wann wird es bedenklich? Wann wird es manifeste Sucht? Ich würde hier gerne konkrete Stunden- oder Minutenangaben machen. Das ergibt nur leider keinen Sinn. Denn exzessives Spielen lässt sich nicht in Zeit bemessen, sondern am Verhalten. Hier einige Hinweise auf ein ungesundes Spielverhalten:

  • Gedankliche Eingenommenheit
    Die Gedanken drehen sich unentwegt um das Spielen und das Spiel. Es wird in Gedanken weitergespielt.
  • Interessenverlust
    Hobbies, Freunde und andere Interessen nehmen ab, es findet ein Rückzug ins eigene Spieleuniversum statt.
  • Toleranzentwicklung
    Die gewünschte Wirkung wird nur durch immer häufigeres oder längeres Spielen erzielt.
  • Kontrollverlust
    Die Spielzeit kann nicht aus eigener Kraft reduziert, das Spielen nicht unterbrochen werden oder es wird gar nicht erst versucht.
  • Entzugserscheinungen
    Wird weniger oder nicht gespielt, treten Nervosität, Unruhe, Gereiztheit oder Aggressivität, sowie Zittern und Schweißausbrüche auf.
  • Flucht
    Das Spielen wird dazu genutzt, Sorgen oder negative Gefühle zu verdrängen oder sich um bestimmte Dinge keine Gedanken machen zu müssen.
  • Vertuschung
    Es wird heimlich gespielt, das eigene Spielen verleugnet und Lügenkonstrukte um das eigene Verhalten gebaut.
  • Negative soziale Konsequenzen
    Das exzessive Spielen führt zu Konflikten mit Freunden,  Partner oder Partnerin und Arbeitskollegen. Die schulische oder berufliche Leistung nimmt spürbar ab. Trotz der eindeutig negativen Konsequenzen wird weiter exzessiv gespielt.

WICHTIG: Nichts überstürzen!

Zeigen sich einige dieser „Symptome“ vereinzelt für einige Tage oder Wochen, ist das noch kein Grund zur Panik und schon gar keine Diagnosesicherung! Erst, wenn mehrere der oben genannten Punkte über die Dauer von mindestens 12 Monaten zutreffen, kann an die Diagnose „Gaming Disorder“ gedacht werden – und diese sollte nur von einem Fachmann gestellt werden.

Aber frühzeitig intervenieren

Sollten Sie mehrere der oben genannten Anzeichen bei Ihrem Kind bemerken, sollten Sie gegensteuern. Und zwar sachte und einfühlsam.

  • Erst mal mitspielen
    Das ist kein Witz. Verteufeln Sie nicht, was Ihr Kind so sehr fasziniert, sondern versuchen Sie, es zu verstehen. Interessieren Sie sich dafür, was an dem Spiel für Ihren Sohn oder Ihre Tochter das Tollste ist. Thematisieren Sie die Faszination des Spiels und die Gefahren dieser Faszination. Ganz wichtig: Bleiben Sie sachlich und verständnisvoll. So haben Sie die besten Chancen, gemeinsame Lösungen zu finden.
  • Ursachen verstehen
    Welche Gründe gibt es für Ihr Kind, so exzessiv zu spielen? Was fehlt ihm/ihr im realen Leben? Gibt es nicht befriedigte Wünsche oder Bedürfnisse? Sorgen oder Probleme?
  • Alternativen bieten
    Gruppenaktivitäten, wie Mannschaftssport oder Familienunternehmungen, bilden ein gutes Gegengewicht zur virtuellen Welt. Fördern Sie diese Aktivitäten und unterstützen Sie die Wiederaufnahme früherer oder neuer nicht-virtueller Hobbies.
  • Hilfe annehmen
    Sollten Sie weiterhin besorgt sein, dass Ihr Kind in die Computerspielsucht gleitet oder schon mittendrin ist, holen Sie sich professionelle Hilfe bei Sucht- und Familienberatungen, Kliniken oder Psychologen. Entsprechende Adressen finden Sie hier und eine Liste einiger weiterer geeigneter Anlaufstellen finden Sie auf der Seite von klicksafe.de, der EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.

Nicht nur Kinder sind gefährdet

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch darauf hinweisen, dass nicht nur Kinder und Jugendliche sich in der virtuellen Spielewelt verlieren können, sondern natürlich auch Erwachsene. Die Kriterien zur Beurteilung des „Gefährdungsgrades“ sind die gleichen, die Möglichkeiten der Intervention ebenso. Auch für Erwachsene gilt es, die Ursachen zu verstehen, Alternativen zu finden und Hilfe anzunehmen. Aus eigener Kraft oder mit Unterstützung aus Familie oder Freundeskreis.

Sind die Spiele schuld?

Die Spiele haben sich verändert. Spielte man früher noch „von Anfang bis Ende“, dominieren heute Games, die weder Anfang, noch Ende haben. Offene Welten laden zum endlosen Verweilen ein, immer neue Aufträge, Ziele und Möglichkeiten sowie zeit- oder aktivitätsbasierte Belohnungen animieren zum Dranbleiben. In den Online-Welten kommen Spieler aus aller Welt zusammen. Es ist 24 Stunden am Tag etwas los und es gibt immer etwas zu verpassen. Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören gibt es nicht mehr, alles läuft weiter, die nächste Belohnung kommt schon gleich. Nur noch ein paar Minuten, Monster, Level, Punkte, …

Selbst ohne jegliche Affinität zum virtuellen Spielen kann ich verstehen, wie diese Welten einen regelrecht einsaugen. Und mir scheint das einzig wirksame Präventions- oder auch Heilmittel eine stabile, gesunde Verwurzelung in der realen Welt zu sein. Schwierig. Aber nicht unmöglich.

2 Kommentare

  1. Toller Artikel. Mir ging es als Jugendlicher ähnlich. Finde gerade den Punkt der “verständnisvollen Eltern” sehr treffend. Meine Mutter hat sich immer für meine Faszination an den Spielen interessiert. Das hat mir geholfen, selber einen Weg weg von der exzessive Spielerei zu finden. Bis heute faszinieren mich jedoch Videospiele in vielerlei Hinsicht.

    1. Vielen Dank für Ihr Feedback! Es freut mich sehr zu hören, dass Verständnis und Zugewandtheit für Sie die richtige Unterstützung waren. Und ich hoffe, dass Sie mit Ihrem Kommentar mitlesende Eltern darin bestärken, diesen Weg ebenfalls einzuschlagen.

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