Liked Ihr noch oder lebt Ihr schon?

Entschuldigen Sie das plumpe „Du“ – aber so macht man das eben heute in den sozialen Medien. Und genau da befinden wir uns schließlich gerade. Wie so oft. Wie oft allerdings gut tut und was der ständige Konsum sonst noch so alles mit einem macht, habe ich einmal im Eigenversuch beobachtet. Mit drastischen Konsequenzen.

Ach nee, guck mal …

Mit diesen unschuldigen Worten begannen vor gar nicht allzu langer Zeit die meisten Gespräche an unserem Esstisch. Naja, Gespräche kann man das eigentlich nicht nennen. Denn kurz nach diesen vier Worten hatte man in der Regel auch schon einen Handy-Bildschirm statt eines Gesprächspartners vor der Nase. Oder auch mal das Tablet, auf dem man dann noch besser erkennen konnte, wie süß Meikes neue Katze mit einer Staubfluse spielt. Auch Sebastians Mittagessen war deutlicher zu sehen. Und sein Snack. Und sein Abendessen. Genau wie die ermüdend enthusiastischen Event-Empfehlungen, zu denen man einfach gehen MUSS! Oder Evas neue Küchenlampe – wer ist eigentlich Eva?!

Facebook – Fluch und Segen

Sie haben es vielleicht bereits erraten: der Störenfried an unserem Tisch heißt Facebook. In dem bedeutendsten sozialen Netzwerk der Welt sind auch mein Freund und ich „vernetzt“. Mit Freunden, Kollegen, Bekannten und entfernten Bekannten, mit denen man hier so wunderbar einfach und schnell in Verbindung treten kann. Gar keine Frage, Facebook ist hinsichtlich der schnellen, direkten Kommunikation ein wahrer Segen.

Am Tisch finden kaum noch Gespräche statt, weil alle sich mit ihrem Handy beschäftigen.
Am Tisch finden kaum noch Gespräche statt, weil es permanent piept und brummt .

Aber es kann unter bestimmten Bedingungen auch zu einem Fluch ausarten. Denn dank der wunderbaren Einfachheit und Schnelligkeit sitzen unsere Facebook-„Freunde“ nun allesamt täglich mit uns am Essenstisch. Es piept, es brummt und schon sind wir live darüber im Bilde, was oftmals nur entfernt bekannte Menschen gerade tun, essen, sehen, hören oder – nicht selten am Nervigsten – denken.

Mittendrin statt nur dabei

Lassen Sie uns lieber sagen: immer mittendrin und doch irgendwie nie so richtig dabei. So in etwa lässt sich der schale Nachgeschmack beschreiben, der sich bei mir nach einer „entspannten“ Runde Facebook einstellt. Als würde ich etwas verpassen, mein Leben irgendwie weniger aufregend sein als das von einem gewissen „Tim Buktu“, der wöchentlich aus einem anderen Land der Welt Beweisfotos postet. Und dessen wahre Identität ich glaube ich gar nicht kenne.

Mir geht es nicht alleine so. Eine Studie vom Psychologischen Institut der Universität Zürich ergab, dass in erster Linie die Persönlichkeit der Nutzer darüber entscheidet, ob Facebook als Bereicherung empfunden werde. Die Extrovertierten liegen hier zufriedenheitsmäßig deutlich vorn. Wörtlich heißt es in der Studie: “Die durchschnittliche Lebenszufriedenheit (…) unterscheidet sich leicht zugunsten der Nicht-Nutzer. Teilnehmer gänzlich ohne Facebook-Profil zeigen sich zufriedener als solche mit Profil. Zudem haben sie eine leicht höhere psychische Gesundheit und sind gewissenhafter als Facebook-Nutzer.”

Im Klartext lautet die Empfehlung: entweder schnell extrovertieren oder Profil löschen. Gefällt mir beides nicht, also suche ich nach einer anderen Lösung. Und finde eine andere Studie.

Forscher der FU in Berlin haben herausgefunden, dass Facebook, Twitter und Co glücklich machen und die Einsamkeitsgefühle von Menschen deutlich verringern können. Zu diesem Ergebnis kam Neurowissenschaftler Dar Meshi, indem er per Computertomographie die Reaktion des menschlichen Gehirns auf die Nutzung von Facebook untersuchte. Positive Rückmeldungen auf eigene Postings aktivierten hierbei ein Hirnareal, das für Belohnung, also für Wohlgefühle zuständig ist. „Likes“ machen also glücklich. Quasi. Und was ist mit all dem, was gepostet wird? Das macht doch wohl nicht auch alles glücklich, oder? Mich jedenfalls nicht. Also muss ich neu denken. Zurück zum Küchentisch.

Aktion „Bio für’s Hirn“

Es ist erstaunlich. Zwischen all dem Bio und Demeter auf dem Tisch, dem Kaffee aus fairem Handel und dem Wasser aus Glasflaschen; bei all diesem Bewusstsein und verantwortungsvollen Handeln lassen wir es gleichzeitig zu, dass Facebook uns ungefiltert – verzeihen Sie die Ausdrucksweise – vollmüllt. Und wenn ich Facebook sage, dann meine ich nicht nur den blauen Riesen unter den sozialen Netzwerken, sondern auch seine Kollegen, wie Google+, YouTube, Twitter, Xing, Pinterest, LinkedIn oder wie sie auch immer alle heißen. Facebook piept – und wir springen. Oder besser: klicken. Und holen uns den Inhalt auf den Tisch, an den Arbeitsplatz oder sogar ins Badezimmer.

Informationsmüll sickert Post für Post, Like für Like, Tweet für Tweet in unser Leben. Eine kaum zu bewältigende Masse an Informationen, Impulsen, Fragen oder auch gleichzeitigen Konversationen, die statt Spaß nur noch eines machen: Stress.

Morgens wachen wir mit dicken Augenringen auf, weil wir die halbe Nacht gesurft haben. So geht es nicht weiter!
Morgens wachen wir mit dicken Augen auf, weil wir die halbe Nacht gesurft haben. So geht es nicht weiter!

Schatz, ich mache Schluss!

Mit diesen Worten schreckte ich vergangenen Sonntagmorgen meinen Freund vom Handy hoch, als ich gerade genüsslich meine zweite Brötchenhälfte bestrich. Ich gebe zu, dass ich die Schrecksekunde eine unnötige weitere Sekunde im Raum wirken ließ aber sein Blick war einfach zu interessant. Es ist der Blick, in dem man gerade noch die Spuren der virtuellen Welt lesen kann ebenso wie eine gewisse Orientierungssuche ob dem abrupten Wechsel in „diese Welt“ und – ich muss es leider sagen – einen Hauch von Leere. Erst im Anschluss gesellten sich die bei einem solchen Satz zu erwartenden Regungen Überraschung, Schreck und Ungläubigkeit hinzu.

Als auch diese nach meinem Empfinden lange genug präsent waren, löste ich die Spannung kurzerhand auf: „Ich mache Schluss mit der ewigen Facebookerei.“

„Digital Diet“ liegt im Trend

Einfach mal 14 Tage offline sein. Sei es ganz allgemein oder nur bei und von Facebook. Sich mal von der nicht enden wollenden Flut von Informationen, Meinungen, Empfehlungen und Befindlichkeiten erholen. Bevor man sich wieder gestärkt und beherzt hineinfallen lässt ins Facebook-Universum. So machen es viele, denen die Rund-um-die-Uhr-Beschallung mit Posts und Likes zu viel wird. Aber wie im Ernährungsbereich halte ich auch in der digitalen Welt nichts von Schnell-Diäten. Ich will eine nachhaltige Umstellung auf ein gesundes Maß. Und das habe ich so gemacht:

Achtung Facebook, ich räume auf!

Menschen, die ich gar nicht kenne, fliegen als erstes aus meiner Freundesliste. Irgendwann einmal aus Höflichkeit oder Verlegenheit hinzugefügte Freunde werden ebenfalls gelöscht. Dann richte ich Kategorien ein, in die ich die verbliebenen Personen sortiere. Schon mal sehr übersichtlich. Das wäre geschafft.

Anschließend mache ich auch bei meinen Interessen und „geliketen“ Seiten einen Radikalschlag. Nur was mich wirklich und aktuell interessiert, darf bleiben. Der Rest fliegt raus.

Dann lege ich fest, über welche Dinge ich wie und wann informiert werden möchte. Etwas knifflig aber durchaus lohnenswert, wie ich fand. Denn nun hatte das pausenlose Gebrumme endlich ein Ende.

Die wohl effektivste Maßnahme zur digitalen Entstressung sind allerdings die Sperrzeiten, die ich mir und meinem Haushalt auferlege. Ab sofort sind Handy und Tablet am Tisch tabu. Auch für Gäste. Kein „Hier, guckt mal, mein neues Motorrad.“ oder „Warte, das google ich mal eben.“ Das Handy bleibt draußen und wir offline. Die Veränderung ist ab dem ersten handy- und facebookfreien gemeinsamen Essen spürbar. Es ist endlich wieder Raum für Gespräche, die eigenen Gedanken und ein ruhiges, ungestörtes Beisammensein in intimer Atmosphäre. Schön!

Die Dosis macht es

Neben den Sperrzeiten habe ich einige weitere Regeln für mich probiert, die vielleicht ja auch für Sie funktionieren: Beispielsweise räume ich mir täglich ein bestimmtes Zeitkontingent ein, privat durch das Facebook Universum zu fliegen. 15 Minuten, mehr nicht. Nicht verwendete Minuten können nicht in den nächsten Tag mitgenommen werden, sondern verfallen am Abend. Außerdem habe ich die Sperrgebiete aufs Bett und die öffentlichen Verkehrsmittel ausgeweitet.

Beruflich sieht es natürlich anders aus. Die sozialen Medien sind mein täglich Brot, wenn Sie so wollen, meiden kann und möchte ich sie hier also nicht. Aber auch hier habe ich ein anderes Bewusstsein für Frequenz, Inhalte und das Netzwerken entwickelt.

Ich möchte meinen bescheidenen aber immerhin positiven Beitrag zur allgemeinen Qualitätssteigerung der Inhalte in den sozialen Medien leisten. Mit gutem, also für unsere Leser auch wirklich relevantem Content. Mit einem Benehmen und einem Ton, den ich auch im „echten“ Leben an den Tag lege. Mit Interaktion und der nutzerorientierten Ausgestaltung der Möglichkeiten, welche die sozialen Medien und insbesondere Facebook uns als Unternehmen bieten. Und ich hoffe einfach mal, andere Menschen und Unternehmen mit diesem Verhalten anstecken zu können. Ich bin gespannt.

 

1 Kommentar

  1. Betrifft: ‘Liked ihr noch …’

    Jetzt hätte ich doch wegen meiner (beinahe) temporären Facebook-Abstinenz fast diesen Artikel verpasst. Na dann fange ich eben morgen damit an 😉

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