Deutschland hat Rücken – von Fakten und Märchen.

Rückenschmerzen? Fast jeder Deutsche nickt wissentlich mit dem Kopf und kann meist mit verzerrtem Gesicht seine eigene Leidensgeschichte erzählen. Von Hexenschuss bis Bandscheibenvorfall, von Muskelhartspann bis „Stress-Nacken“. Rund 20 Millionen Deutsche leiden regelmäßig unter Schmerzen im Rücken. Aber was tun?

Therapie Nr 1: Medikamente

Rund 65 % der Rückenpatienten werden mit Medikamenten therapiert. Spitzenreiter sind Paracetamol, Diclophenac und Ibuprofen. Diese Schmerzmittel wirken auf unterschiedliche Weise, können erhebliche Nebenwirkungen verursachen und sind für Patienten mit bestimmten Erkrankungen beispielsweise der Nieren oder des Herzens generell nicht geeignet. Manchmal allerdings geht es ohne Schmerzmittel einfach nicht. Besprechen Sie die Einnahme von Medikamenten vorab unbedingt mit Ihrem Arzt.

Tapferkeit statt Pillendose?

Bis heute gibt es Vertreter der „Indianerherz kennt keinen Schmerz“-Zunft. Werte Hüterinnen und Hüter der tugendhaften Tapferkeit, leider müssen wir Sie an dieser Stelle enttäuschen. Rückenschmerzen lieber stumm zu ertragen, als entsprechende Medikamente einzunehmen, ist nicht nur unnötig, sondern sogar kontraproduktiv. Denn der Körper „merkt“ sich andauernde oder wiederholte Schmerzreize. Über kurz oder lang reagiert das Nervensystem bereits auf geringe Reize oder produzieren die Schmerzinformation sogar selbst. Sie trainieren sich durch Aushalten also salopp gesagt nur noch mehr Schmerzen an. Ganz ohne Schmerzmittel geht es also nicht. Aber zu lange und zu viel sollen die Pillen auch nicht genommen werden. Denken Sie immer daran, dass Schmerzmittel primär dazu da sind, die akute Situation erträglich und therapierbar zu machen. Eine langfristige Lösung sind sie nicht.

Rückfallquote: über 80 %

Selbst nach einer erfolgreichen Therapie mit Medikamenten, Krankengymnastik, Massagen oder Spritzen werden über 80 % der Patienten irgendwann wieder mit akuten Rückenschmerzen beim Arzt vorstellig. Eine Statistik, die für Patienten wie Behandler gleichermaßen unbefriedigend ist. Ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Aspekt: Rückenschmerzen verursachen in Deutschland einen jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden in Höhe von knapp 50 Milliarden Euro.

Der Grund dafür liegt vermutlich in der menschlichen Natur. Getreu dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“ werden Rückenschmerzen einfach vergessen. Und damit löst sich oftmals auch die Motivation zur morgendlichen Rückengymnastik in Wohlgefallen auf. Geht ja schon wieder, wozu also der Aufwand? Logisch: niemand hält sich gern rund um die Uhr vor Augen, dass er eine Schwachstelle hat. In diesem Fall allerdings wäre es sogar hilfreich – für die eigene Schmerzfreiheit sowie langfristig für die Quotenverbesserung.

Selbst ist der schmerzfreie Patient – aber wie?

Die akute Schmerztherapie ist Arzt- und Therapeutensache. Wer allerdings das erneute Auftreten des quälenden Stechens, Ziehens oder Drückens verhindern will, ist selbst am Zug. Über das adäquate Wie bei diesem Vorhaben gab es in den vergangenen Jahren allerdings schon so manche Verwirrung.

Bewegung, Bewegung, Bewegung

Der Schlüssel zur langfristigen Stabilität des eigenen Rückens ist genau das, woran in der akuten Schmerzphase nicht einmal zu denken ist: Bewegung. Nahezu jedem Rückenleiden kann mit stabiler Muskulatur und geschmeidigen Sehnen, Bändern und Faszien entgegengewirkt werden. Gut trainierte Muskeln unterstützen, wo beanspruchte oder altersschwache Bandscheiben sonst allein zu tragen hätten. Ein regelmäßig und in wohldosiertem Maße trainierter Rücken neigt weniger zu Verkrampfungen, erholt sich dank besserer Durchblutung schneller von eventuellen „Fehltritten“ und kann Schwächen des gesamten Bewegungsapparates kompensieren, statt mit hilflosen Schmerzreizen darauf zu reagieren.

Sport, nicht Mord!

Das Ziel ist klar: Stabilität und Beweglichkeit für den Rücken herstellen und erhalten. In diesem Trainingsplan haben Extremsportarten ebenso wenig etwas zu suchen, wie ambitionierte Selbstversuche. Lassen Sie sich von einem Profi beraten und genau zeigen, was für Ihren Rücken gut und richtig ist. Das Training unter Aufsicht ist für den Anfang ein Muss, denn mit falsch ausgeführten Rückenübungen können Sie noch mehr Schaden anrichten. Empfehlenswert ist eine ausgewiesene Rückenschule, ein beaufsichtigtes Training in einem spezialisierten Fitnessstudio oder das Erlernen von Übungen im Rahmen der Physiotherapie. Später können Sie die Übungen natürlich auch zu Hause durchführen, wobei Sie folgendes bedenken sollten: eine Gruppe oder ein verbindlicher Termin machen es Ihnen leichter, das regelmäßige Rückentraining als andauernde Gewohnheit beizubehalten. Und wenn Sie es doch auf eigene Faust fortführen wollen, ist ein regelmäßiger Kontrolltermin empfehlenswert, bei dem Sie die korrekte Durchführung aller Übungen noch einmal kontrollieren lassen. Befolgen Sie diese einfachen Regeln, haben Sie sehr gute Chancen, der Rückenschmerz-Spirale auf Dauer zu entkommen.

Keine Lösung: der Sitzball

Gepriesen als der Heilige Sitz-Gral überrollte der Sitzball eines Tages Büros und Arbeitsplätze. Die ständigen kleinen Bewegungen würden die Rückenmuskeln stärken und Schmerzen verhindern – so stellten es Ärzte lange Zeit ihren Schmerzpatienten in Aussicht. Nach heutigen Erkenntnissen ist das allerdings nicht der Fall. Zumindest nicht so. Der Sitzball ist kein Bürostuhl-Ersatz, sondern ein Sportgerät. Eines, auf dem man für einen kurzen Zeitraum konzentriert und sauber Trainingsübungen absolvieren sollte. Falsches oder zu langes Sitzen auf dem Ball bringt nichts außer zusätzlicher Belastung und weiterer Schmerzen.

Keine Lösung: der Stock im Po

Wer immer schön gerade sitzt, der bekommt auch keine Rückenschmerzen. So behauptet der Volksmund bis heute. Und liegt damit falsch. Wer seinen Rücken stundenlang steif macht, verkrampft seine Muskeln innerhalb kürzester Zeit so stark, dass genau das passiert, was ja eigentlich verhindert werden sollte: Es tut weh.

Besser:

Sie möchten wissen, welche Sitzposition die beste ist? Ganz einfach: die nächste. Die Wirbelsäule ist auf Bewegung ausgelegt. Tun Sie das. Wechseln Sie häufig Ihre Sitzposition und stehen Sie so oft wie möglich auf. Machen Sie auf dem Weg zum Kaffeeholen einige kleine Gymnastikübungen, strecken Sie sich vorsichtig und nutzen Sie jede Gelegenheit für eine kurze Aufstehpause.

Keine Lösung: die brettharte Matratze

Ist der Rücken schmerzgeplagt, braucht er gezielte Unterstützung. So weit ist alles noch im grünen Bereich. Der Rückschluss allerdings, hier wäre eine besonders harte Schlafunterlage die beste weil stabilste Wahl, ist bereits im roten Abseits. Eine wirklich harte Matratze passt sich dem Rücken kaum an, womit einige Wirbel schlichtweg „in der Luft hängen“. Hier müssen die Muskeln das Stützen übernehmen und somit die ganze Nacht durcharbeiten. Ein schmerzhaftes Erwachen wird niemanden verwundern.

Die gibt wenig nach und soll so als Stütze dienen. Doch das ist falsch: Über der harten Unterlage bilden die Wirbel einen hohlen Bereich, der von angespannten Muskeln eingerahmt wird. Das ist ungesund. Sinnvoller ist eine mittelharte Matratze, auf der die Wirbelsäule gerade bleibt.

Besser:

Keine Sorge, Sie müssen Ihre Nächte in Zukunft auch nicht auf butterweichen Matratzen verbringen. Ideal ist die goldene Mitte: eine Matratze, die weich genug ist, sich Ihrer Wirbelsäule so weit anzupassen, dass sie gerade bleibt. Dabei sollte sie aber noch hart genug sein, um eine ausreichende Stützfunktion zu erbringen. Lassen Sie sich vom entsprechenden Fachpersonal im Matratzengeschäft Ihres Vertrauens beraten, welche Matratze für Sie, Ihr Gewicht und Ihre Art der Rückenbeschwerden, die richtige ist.

Am besten:

Runter von der Couch und rein ins Bewegungsvergnügen. Strafen Sie die Statistiken Lügen und machen Sie sich daran, Ihren Rücken in Bestform zu bringen. Sie werden erstaunt sein, wie viel Stabilität, Sicherheit und letztlich Erleichterung Ihnen ein gesund trainierter Rücken bringt. Unser Tipp: Folgen Sie dem Lustprinzip – denn die Bewegung soll Ihnen Spaß machen. Dann bleiben Sie auch am Ball und Ihr Rücken dankt es Ihnen!

4 Kommentare

  1. Hallo und guten Tag!

    Hatte mir wegen erheblich gewordenen Nackenschmerzen Massagen verschreiben lassen – brachten mir wenig und beim 3. Mal mit einem Body-Builder-Typ eine sehr schmerzhafte Rippenprellung, die ‘dauert und dauert’.
    Habe danach mit einer mir schon vorher gekauften Kugelhantel von 5 kg wieder angefangen – war für den Anfang zu früh und durch Tipp von einem Profi mit 1 1/2 + 2 1/2 kg Wasserflaschen weiter gemacht – nur mit Schwingen. – M an spürt hinterher die langanhaltend stärkere Durchblutung im ganzen Körper (nicht nur in den Armen etc.). Diese Lösung ist einfach und genial! Benötige kein Fitness-Studio etc. mehr! Meine Nackenschmerzen sind noch nicht weg, aber wesentlich geringer geworden! Gruß, UW —

    1. Hallo Herr Wieting,
      ich freue mich für Sie, dass Sie dank Eigeninitiative auf einem guten Weg Richtung Schmerzfreiheit sind! Das mit den Rippen ist natürlich weniger erfreulich. Danke, dass Sie sich hier als motivierendes Beispiel gemeldet haben. Ich bin mir sicher, dass Sie damit auch anderen Menschen den Anstoß geben werden, einen Profi nach den individuell geeigneten Anti-Rückenschmerz-Übungen zu fragen, um dann selbst aktiv zu werden. Viele Grüße, Patricia Crone

  2. Ich habe mal eine hervorragende DVD gehabt. Da waren Übungsprogramme drauf, die man mitmachen konnte. Es waren fortlaufende Übungen für 20 Tage. Lieder ist diese DVD beschädigt und ich kann sie nicht mehr benutzen.
    Können Sie mir keine entsprechende DVD empfehlen.
    Wie wäre es mit einem Weihnachtsgeschenk für alle Krankenversicherten. Das würde sicherlich Folgekosten sparen.
    Mit freundlichem Gruß
    Manfred Karweg

    1. Hallo Herr Karweg,
      wir halten es für wichtig, dass jeder Rückenpatient, die für ihn individuell geeigneten Übungen, erst einmal unter Aufsicht erlernt.
      Ein Trainer oder Physiotherapeut kann bei eventuellen Fehlern sofort korrigierend eingreifen und Sie vor nicht korrekt ausgeführten Übungen bewahren. Das Ziel ist natürlich die
      Fortführung der Übungen zu Hause. Dabei kann es natürlich sehr hilfreich sein, die Übungen einmal vorgeturnt zu bekommen.
      Bitten Sie Ihren Physiotherapeuten, Ihnen die Übung langsam und erklärend vorzumachen, während Sie ihn dabei mit Ihrem Smartphone aufzeichnen. Oder Sie machen es umgekehrt und bitten den Profi, Sie bei der Ausführung seiner Anweisungen zu filmen. Fertig ist Ihr ganz privates Heimtrainingsprogramm.

      Viele Grüße, Patricia Crone

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