Fahrrad geklaut – was nun?

Wenn ich mein Fahrrad am Bahnhof abstelle, um mit dem Zug weiterzufahren, schließe ich es meist dort ab, wo schon viele andere Räder stehen: An einem hell erleuchteten Ort, an dem regelmäßig jemand vorbeikommt. Hier schien mir mein Drahtesel immer relativ sicher zu sein. Bis zu diesem Abend: Als ich wieder am Bahnhof ankam, standen viele Räder vom Morgen noch immer an Ort und Stelle – nur meins nicht mehr. Irgendwer musste es im Laufe des Tages gestohlen haben – was für eine Frechheit!

Natürlich schossen mir sofort eine Reihe von Fragen durch den Kopf: Warum wurde ausgerechnet mein Fahrrad geklaut? Was mache ich jetzt und wie kann mir die Polizei dabei helfen, dem Fahrraddieb auf die Spur zu kommen? Um diesen und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich mit Kriminaloberkommissar Ulrich Golla von der Polizei in Bonn gesprochen. Er ermittelt seit vielen Jahren bei Fahrraddiebstählen und spürt die Besitzer vermisster Fahrräder auf, wenn mal wieder eine Bande oder ein Einzeltäter hochgenommen wurden. Dabei hat er schon die ein oder andere Erfolgsstory erlebt.

Man muss es den Dieben schwer machen

Bei der Frage nach dem Warum hakt Ulrich Golla natürlich direkt nach, ob ich mein Fahrrad denn ausreichend gesichert hätte. Ein einfaches Spiralschloss reiche nämlich nicht aus. „Mit hochwertigen Fahrrädern wird heutzutage sehr leichtsinnig umgegangen. Ein gutes Schloss sollte eine höhere Schutzklasse haben und aus gehärtetem Stahl sein“, so der Kriminaloberkommissar. Zudem empfiehlt er mir eine doppelte Absicherung: „Optimal sind zwei hochwertige Bügel- oder Faltschlösser, mit denen das Fahrrad an einen festen Gegenstand angeschlossen wird. Das macht es dem Täter deutlich schwerer und er entscheidet sich im Zweifel eher für ein Rad, das einfacher gesichert ist.“

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  • Weitere Hinweise, wie Sie Ihr Fahrrad vor Diebstahl schützen, finden Sie hier.
  • Auf Nummer sicher gehen sollten Sie aber nicht nur bei Schloss und Co. – unterziehen Sie Ihr Rad regelmäßig einem Technik-Check. Mehr darüber lesen Sie hier.

Täter suchen sich einfache Wege

Aber wer stiehlt denn eigentlich Fahrräder? Der Kriminaloberkommissar erzählt mir von organisierten Banden, die nachts mit dem Lkw kommen, aber auch von Tätern, die alleine auf Beutezug gehen: „Einzeltäter sind in der Regel lokal unterwegs. Sie schauen sich meist an öffentlichen Plätzen um, prüfen, welche Räder nicht so gut gesichert sind, und knacken dann mit einem Bolzenschneider innerhalb weniger Sekunden das Schloss.“

Kriminaloberkommissar Ulrich Golla, Polizei Bonn, © privat
Kriminaloberkommissar Ulrich Golla, Polizei Bonn, © privat

Das erscheint mir allerdings schon fast zu einfach. Fällt es denn niemandem auf, wenn sich jemand mit einem Bolzenschneider an einem Rad zu schaffen macht? Die Antwort von Ulrich Golla überrascht mich: „Wir haben das im letzten Jahr mit unserer Pressestelle und einer örtlichen Tageszeitung einfach mal nachmittags in der Bonner Innenstadt in der Fußgängerzone getestet. Die Testperson wurde kaum beachtet. Wenn sie angesprochen wurde, sagte sie, das sei ihr Fahrrad und sie habe den Schlüssel verlegt. Dann gehen die Leute einfach weiter.“ Golla fügt aber hinzu: Wenn die Polizei auf so etwas aufmerksam wird, überprüft sie die Person sowie das Rad und versucht im Zweifel, den richtigen Besitzer zu ermitteln.

Das Wichtigste ist die Rahmennummer

Um den rechtmäßigen Besitzer eines Rads zu ermitteln, hilft die Rahmennummer: Dabei handelt es sich um eine Individualnummer am Fahrradrahmen, mit der die Polizei gestohlene Fahrräder europaweit zur Fahndung ausschreiben kann. „Wird beispielsweise ein Lkw an der Grenze kontrolliert, der Fahrräder geladen hat, kann die Polizei anhand der Rahmennummern herausfinden, ob es sich um gestohlene Räder handelt. Deswegen ist es wichtig, einen Diebstahl umgehend bei der Polizei anzuzeigen. Nur so kann das Fahrrad wieder seinen Besitzer finden“, erklärt er mir. Auch ich habe damals mein Fahrrad sofort als gestohlen gemeldet. Im Moment warte ich aber noch darauf, dass mein Fahrrad irgendwo aufgegriffen wird. „Um den Fahndungsdruck zu erhöhen, kann man der Polizei auch Bilder zukommen lassen, die zum Beispiel über Facebook oder lokale Medien veröffentlicht werden. Das macht es dem Dieb schwerer, das Fahrrad wieder zu verkaufen beziehungsweise zu verhehlen“, ergänzt Golla.

Apropos Hehlerei

Das bringt mich auf den Gedanken, dass ich mein Fahrrad vielleicht auch irgendwann auf dem Flohmarkt oder online in den Kleinanzeigen wiederfinden könnte. In meiner Hausratversicherung ist zwar eine Fahrradversicherung inbegriffen, weshalb ich nach dem Diebstahl schnell eine Entschädigung bekommen habe. Dennoch – so ganz gebe ich meinen Drahtesel noch nicht auf. Deswegen frage ich Kriminaloberkommissar Golla nach Geschichten, bei denen lang vermisste Fahrräder wieder zu ihren Besitzern zurückgefunden haben. Das hat er tatsächlich auch schon erlebt: „Wir hatten einen Fall, bei dem jemand ein Fahrrad sehr günstig auf dem Flohmarkt erworben hat. Durch Recherche konnte er feststellen, dass das Rad einen sehr viel höheren Wert hat. Er wurde misstrauisch und ist zur Polizei gegangen. Eine Überprüfung der Rahmennummer hat ergeben: Das Fahrrad ist gestohlen. Wir konnten den Flohmarktverkäufer ausfindig machen und feststellen, von wem er das Fahrrad erworben hat und dahingehend weitere Ermittlungen führen. Am Ende konnten wir das Fahrrad seinem Besitzer nach etwa zwei Jahren zurückgeben.“ Das klingt doch mal nach einem echten Happy End, das mir und vielleicht auch Ihnen Hoffnung macht!

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