Organspende – tausche Tod gegen Leben.

So schnell kann’s gehen: Autounfall, Kopfverletzung, Hirntod. Eine unbeliebte Wahrheit, die für die betroffenen Angehörigen die Hölle auf Erden bedeutet. Für andere hingegen den einzigen Lichtblick, am Leben zu bleiben. Ein Silberstreifen am Horizont in Form einer Niere, eines Herzens, einer Leber oder vielleicht auch „nur“ einer Herzklappe.

Bundesweit warten über 10.000 PatientInnen auf eine Organ- oder Gewebetransplantation. Tendenz steigend. Zwar steigt auch die Zahl der bereitwilligen Spender, allerdings nicht schnell genug. Statistisch gesehen sterben täglich drei Patienten von der Warteliste, weil einfach nicht genügend Organe verfügbar sind.

In Deutschland herrscht Organmangel

Was nach einem Lieferengpass klingt, weckt sogleich Assoziationen mit düsteren Geschichten von Organklau und illegalem Organhandel. Was, wenn der Mangel so groß ist, dass man Träger eines Organspendeausweises einfach sterben lässt, um an weitere Organe zu kommen? In den Köpfen vieler, vieler Deutscher spricht bei diesem Thema nicht die Logik oder die Menschlichkeit – sondern die Angst. Die gute Nachricht: Angst lässt sich vertreiben. Mit fundierten Informationen, die wir hier für Sie zusammengetragen haben.

Punkt für Punkt gegen die Fragezeichen

Was passiert mit meinen Organen? Wer bekommt sie? Werden sie verkauft? Bin ich dann auch wirklich schon tot? Wer entscheidet das? Und nach welchen Kriterien? Werde ich als Organspender schlechter medizinisch versorgt? Werde ich als Organspender regelrecht ausgeweidet oder kann ich bestimmen, welche Organe ich spenden möchte? Ist mein Leichnam dann entstellt?

Die Liste der Fragen und Unsicherheiten ist schier endlos. Und wenn man nicht weiß, wo man vor lauter Fragezeichen anfangen soll, tut man in der Regel lieber gar nichts. Wir möchten mit diesem Artikel den Anfang setzen, sich diesem wichtigen Thema behutsam zu nähern und sich mit dieser wichtigen Entscheidung zu befassen. Mit klarem Verstand und allen verfügbaren Informationen. Denn wenn nicht Sie diese wichtige und schwierige Entscheidung treffen, tun es im Ernstfall andere für Sie.

Was ist eine Organspende?

Eine Frage, die sich so kaum jemand stellt, deren Antwort jedoch schon einmal etwas Ordnung in das Fragenwirrwarr zu bringen vermag. Unter dem Begriff Organspende wird sowohl die Spende von Organen, als auch von Gewebe zusammengefasst. Für bestimmte Organe sind Lebendspenden möglich, andere können und dürfen erst nach Eintritt des Todes gespendet und übertragen werden. Zu diesen „post mortem“ Spendeorganen gehören Herz, Lunge, Leber, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Darm und Teile der Haut. Als Spendegewebe kommen die Hornhaut der Augen, Herzklappen und Teile der Blutgefäße, des Knochengewebes, des Knorpelgewebes und der Sehnen in Frage. Der Organspendeausweis bezieht sich logischerweise auf die Bereitschaft für genau diese Spenden, welche nach dem eigenen Tod erfolgen. Womit wir schon bei einer der am heißesten diskutierten Aspekte der Organspende wären: dem Tod.

Wie tot ist tot?

Der Mediziner unterscheidet zwischen Herztod und Hirntod. Stark vereinfacht kann man sagen: Beim Herztod hat das Herz aufgehört zu schlagen, kann allerdings durch entsprechende Reanimation und andere Maßnahmen wieder zum Schlagen gebracht werden. Der Hirntod hingegen ist definiert als der endgültige, nicht behebbare Ausfall aller Hirnfunktionen. Auch wenn die heutige Medizin den Körper weiterhin künstlich durchbluten kann, ist all das, was den Menschen ausgemacht hat, mit dem Ausfall des Gehirns unwiederbringlich verloren.

In Deutschland ist eine Transplantation daher erst nach Eintritt des Hirntodes zulässig. Dies regelt das Transplantationsgesetz. Auch die Feststellung des Hirntodes unterliegt strikten Regelungen: Zwei erfahrene Ärzte müssen unabhängig voneinander die Hirntoddiagnostik vornehmen. Der Ablauf dieser klinischen und apparativen Untersuchung ist exakt durch die Richtlinien der Bundesärztekammer vorgeschrieben und lässt keinerlei Interpretationsspielraum.

Organspende ja oder nein?

Im Idealfall haben Sie diese Entscheidung bereits selbst getroffen und in einem Organspendeausweis festgehalten. Ein dokumentiertes „Ja“ ist bereits von einem 16-Jährigen rechtskräftig, ein „Nein“ schon ab dem 14. Lebensjahr. Liegt kein Organspendeausweis vor, liegt die Last der Entscheidung auf den Schultern Ihrer Angehörigen. Unabhängig von der Einwilligung kommen nicht alle Organe für eine Transplantation in Frage. Grundsätzliche Ausschlusskriterien sind eine HIV- sowie eine akute Krebserkrankung. Die Entscheidung über die letztendliche Eignung treffen die MedizinerInnen vor Ort.

Ja – und jetzt?!

Die Vergabe

Liegt die Einwilligung vor und ist ein Organ zur Spende geeignet, werden alle relevanten Informationen an die Deutsche Stiftung Organtransplantation, kurz DSO, übermittelt. Die DSO übernimmt die Steuerung aller weiteren Untersuchungen und Abläufe inklusive der Weiterleitung der erhobenen Daten an Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden zur Einleitung der Vergabe. Im so genannten Standardverfahren wird computergesteuert anhand sorgfältig festgelegter medizinischer Kriterien der passende Empfänger aus der gesamten Datenbank ermittelt. Den strengen Richtlinien der Bundesärztekammer folgend gehören Dringlichkeit und Erfolgsaussicht zu den wichtigsten Entscheidungsfaktoren. Ob reich oder arm, Kassen- oder Privatpatient spielt hierbei keine Rolle.

Die Entnahme

Ein spezielles Transplantationsteam führt die Entnahme des Organs oder der Organe in einem Operationssaal durch. Wie bei jeder anderen OP auch werden die Regeln der medizinischen Kunst beachtet und die operativen Einschnitte sorgsam verschlossen. Der Körper wird weder entstellt, noch respektlos ausgeweidet. Einem würdevollen Abschied steht also nichts im Wege. Das entnommene Organ wird sorgfältig verpackt und auf schnellstem Wege in das entsprechende Transplantationszentrum gebracht. Hier stehen der Organempfänger sowie die Ärzte schon bereit.

Die Transplantation

Nachdem das gespendete Organ dem Empfänger eingesetzt wurde, muss dieser für den Rest seines Lebens bestimmte Medikamente einnehmen, um die Funktion des Organs zu erhalten und es vor körpereigenen Immunreaktionen zu schützen. Ansonsten können die meisten Patienten nach der Transplantation ein nahezu normales Leben führen. Die Organempfänger haben die Möglichkeit, den Angehörigen des Spenders in einem anonymen Brief über die DSO zu danken.

Die Erfolgsaussichten

Die Chancen für Organempfänger, sich an einem besseren und längeren Leben zu erfreuen, stehen ausgesprochen gut. Dies gilt besonders für transplantierte Nieren, von denen nach einem Jahr durchschnittlich noch knapp 90 % und nach fünf Jahren etwa 75 % funktionieren. Die Erfolgsaussichten vieler anderer Organe liegen geringfügig darunter. Bei Augenhornhäuten sind es sogar 95 % nach einem und 80 % nach fünf Jahren.

Von der Theorie ins echte Leben

Das Prinzip der Organspende ist ohne Frage sinnvoll: Ein Tod rettet Leben. Was allerdings zwischen diesen Zeilen steht, muss jeder für sich persönlich herauslesen und nach den ganz eigenen Maßstäben der Logik und Ethik beurteilen.

Dürfen Nicht-Organspender Organe empfangen? Trägt nicht jedes Organ auch ein Stückchen Seele in sich? Besonders das Herz? Wie weit darf Medizin gehen? Sollte man ganze Hände, Arme oder Gesichter transplantieren? Ist Organspende mit meinem Glauben oder meiner Religion vereinbar? Möchte ich mit den Augen eines Fremden sehen? Mit dem Herzen eines Fremden lieben? Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, fehlt mir dann nicht etwas?

Es gibt hier kein richtig oder falsch und auch keine Universallösung. Es gibt lediglich eine Menge Fragen, die nur Sie selbst sich stellen und beantworten können. Tun Sie das. In aller Ruhe und mit einem einfachen Ja oder Nein als Antwort. Und falls Sie noch weitere Informationen benötigen, schauen Sie doch hier vorbei.

2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Crone,

    vielen lieben Dank für diesen ausführlichen und sehr hilfreichen Artikel zum Thema Organspende. Ich bin ganz sicher, dass die Mehrheit von uns sich mit dem Thema nicht auskennt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir objektive Information, unterstützt durch Fakten, bekommen.

    Als Medizinstudentin in Österreich (2. Semester) interessiere ich mich sehr für das Thema und habe mich aus reinem Interesse mit der Situation in Österreich auseinandergesetzt. Laut Ihrem Artikel gibt es in Deutschland einen Organmangel. Das Gleiche gilt auch für Österreich. Hier ist ebenfalls der Bedarf an Organspendern enorm. Deshalb ist es für mich sehr wichtig, dass man öfters solche Artikel wie diesen hier liest und sich eventuell für Organspende entscheidet. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie so einen hilfreichen Artikel geschrieben haben.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Corina Ungureanu

  2. Vielen dank für den tollen Artikel und die Informationen. Ich finde es wichtig anderen Menschen eine Chance zum Leben zu geben wenn das eigene Leben schon vorbei ist und man die Organe nicht mehr braucht.

    Gruß Anna

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