ZA-DONK!* Gelähmt ins Nationalteam

Plötzlich querschnittgelähmt – eine Vorstellung, die viele in kalte Panik versetzt. Und eine Realität, die einige wenige zu Höchstleistungen motiviert. Maya Lindholm ist eine von diesen wenigen. Ein bemerkenswerter Mensch mit eindrucksvollem Lebenslauf – und nebenbei bemerkt einem ganzen Haufen Medaillen.

Jubel, Tränen, in die Luft gereckte Siegesfäuste – Szenen einer Weltmeisterschaft, wie die Welt sie noch nicht gesehen hat. Denn die Rollstuhlbasketball-WM, die vom 16. bis zum 26. August 2018 in Hamburg stattfand, war die bislang größte Veranstaltung im Behindertensport nach den Paralympics. Und das in Hamburg. Der Grund für diesen Artikel ist allerdings weder die Standortverbundenheit, noch das Sponsoring dieses Mega-Events durch die SIGNAL IDUNA. Es ist vielmehr eine gehörige Portion Respekt für eine der Hochleistungssportlerinnen, die gerade dort unten auf dem Feld ihren dritten Platz an der Weltspitze feiern: Maya Lindholm.

Hamburger Deern auf Erfolgskurs

Die 28-jährige Hamburgerin gehört zu den Urgesteinen unserer Nationalmannschaft. Bereits seit 2009 rollt sie im Nationaltrikot durch alle Welt – und bringt reichlich Metall mit nach Hause. Paralympisches Gold aus London und Silber aus Rio, drei goldene und zwei silberne Europameistertitel sowie zwei weltmeisterliche Silbermedaillen, die nun von der kürzlich hart in Hamburg erkämpften bronzenen ergänzt werden. Man muss kein ausgebuffter Sport-Fachmann sein, um diese Liste als reichlich eindrucksvoll zu identifizieren. Aber darum geht es gar nicht. Denn noch beeindruckender, als das medaillenreiche Ergebnis, ist Mayas Weg dorthin.

Von jetzt auf gleich: Querschnittgelähmt

An einem Morgen im November 2004 will die damals 14-jährige Maya aufstehen und stellt fest, dass ihr die Kraft in den Beinen fehlt. Sie fühlen sich komisch an. Innerhalb von Stunden kann sie nicht mehr laufen. Sie erzählt das undramatisch, webt scherzhaft den Tipp ihrer Oma ein, sie solle das mal mit Voltaren einreiben und einen Apfel essen, dann würde das schon wieder. Aber es wird nicht. Nach einer von Ratlosigkeit geprägten Odyssee durch Krankenhäuser, Spezialkliniken und Facharztzentren weiß Maya immerhin, dass sie eine Entzündung im Rückenmark hat, welche die sensiblen Nervenwurzeln stark verletzt hat. Wieso, weshalb, warum kann ihr bis heute niemand sagen. Ein Stück mehr Klarheit bringt schließlich ein Arzt im Querschnittzentrum Boberg, bei dem die Familie Lindholm rund drei Monate später landet. „Mit diesen Röntgenbildern müssen Sie sich darauf einstellen, dass Sie nie wieder laufen können.“ Das ist die erste klare Ansage. „Das war Fluch und Segen zugleich“, erinnert sich Maya, „denn einerseits will man genau das natürlich nicht hören aber andererseits kann man sich dann endlich auf etwas einstellen. Da weiß man dann, was ist und dann ist es halt auch so.“

Geduld in harten Zeiten

Es folgen neun Monate Reha, Krankengymnastik, Ergotherapie und viel, viel Arbeit für alle Beteiligten. Maya muss lernen, wie sie sich an- und auszieht, Rollstuhl fährt, ins Bett kommt, ins Auto, wie ihr Körper jetzt, so, funktioniert. Der inzwischen 15-Jährigen geht das alles viel zu langsam. Sie will nur eins: Endlich wieder selbständig sein. Sich selber waschen, alleine aufs Klo gehen und sich eigenständig durch die Welt bewegen. Die größte Herausforderung besteht für die frisch Querschnittgelähmte nicht in den teils sehr fordernden Therapien oder Übungen, sondern darin, die nötige Geduld für die eigene Entwicklung aufzubringen.

Bis Maya wieder alles alleine kann, kümmerte sich ihre Mutter Sabine mit Unterstützung von der Oma um alles Weitere. Neben der Betreuung ihrer Tochter wuppte sie den Umzug in eine ebenerdige Wohnung samt aller erforderlichen Umbauten. Auch ein neues Auto muss her, in das der Rollstuhl passt, ein Treppenlift für die drei Stufen vor der Haustür, ein Wannenlift sowie diverse weitere kleinere Umbauten und Hilfsmittel. Obwohl sie „nebenbei“ Vollzeit arbeitet, stößt Sabine schnell an ihre finanziellen Grenzen.

Helfer in größter Not

Es gibt sie noch, die guten Menschen. Das beweist Oma Ingrid, als sie ihrer Tochter und Enkelin mit einem Spendenaufruf im Hamburger Abendblatt zu Hilfe eilt. Knapp 17.000 Euro spenden die Hamburger, um Familie Lindholm in ihrer großen Not zu unterstützen. „Das half schon mal“ erinnert sich Sabine dankbar. „Und dann war da ja noch die Unterstützung durch die SIGNAL IDUNA. Die haben mir als langjährige Mitarbeiterin auch noch mal finanziell unter die Arme gegriffen. Ohne die ganze Hilfe wäre es auch wirklich nicht gegangen.“

Jetzt erst recht: Auf eigenen Beinen stehen

Auch heute spielt Geld noch eine nicht ganz unerhebliche Rolle im Leben der Nationalspielerin. „Man ist halt darauf angewiesen, vor allem, wenn es um Hilfsmittel geht“, berichtet Maya, „aber man braucht eben auch eine ebenerdige Wohnung, ein umgebautes Auto, da muss natürlich auch eine Standheizung drin sein, denn ich kann im Winter nicht kratzen, dann geht der Rollstuhl mal kaputt oder sonst etwas. Das kostet alles richtig Geld. Klar gibt es auch viel Unterstützung und Zuschüsse aber da muss man schon ganz schön gucken, wo man bleibt.“

Ihren Lebensunterhalt bestreitet die engagierte Ergotherapeutin schon seit Jahren selbst. „Meine größte Motivation war es damals, wieder selbständig zu sein. Das war für mich der Schlüssel.“ Ihre eigene Erfahrung nutzt Maya für ihre tägliche Arbeit. „Jeder Patient hat seine ganz persönliche Motivation, seine Ziele zu erreichen. Die gilt es zu finden und zu nutzen.“

Die Antwort auf die Frage, wie sich Sport und Arbeit unter einen Hut bringen lassen, kommt prompt: „Das ist für mich tatsächlich relativ einfach.“ Maya hat eine Halbtagsstelle im BG Klinikum Hamburg und wird für die Nationalmannschaft freigestellt. So lässt sich genügend Zeit für die nächste Medaillenjagd finden.

Im August spielten in Hamburg 28 Rollstuhlbasketball-Teams um den Weltmeistertitel. Nach den Paralympics war diese WM die zweitgrößte Veranstaltung im Behindertensport.
Im August spielten in Hamburg 28 Rollstuhlbasketball-Teams um den Weltmeistertitel. Nach den Paralympics war diese WM die zweitgrößte Veranstaltung im Behindertensport.

Schicksal? Nein, danke!

Die Geschichte von einem jungen Mädchen, das eines Morgens aufwacht und einfach nicht mehr laufen kann, birgt durchaus Potenzial für Drama, Schwere und Bitterkeit. Maya lässt dieses Potenzial einfach ungenutzt. „Ich glaube, manchmal trifft es einfach die, die am besten damit umgehen können“, zuckt sie stattdessen erfrischend undramatisch mit den Schultern. Mit dem Begriff Schicksal kann sie in diesem Zusammenhang nichts anfangen.

Ihr Stiefvater Edwin, ebenfalls bei der SIGNAL IDUNA tätig, bewundert seine Stieftochter für diese Art, Vergangenes gut sein zu lassen und sich auf das zu konzentrieren, was ist. „Maya hat außerdem eine solche Willensstärke, das ist schon enorm. Ein richtiger Dickkopf – (lacht) – das hat sie von ihrer Mutter.“

Die Unterstützung durch Familie und Freunde, da ist sich Maya sicher, waren ein entscheidender Faktor für den Verlauf ihrer Geschichte. „Ich habe halt nicht gehört „Ach – Du arme, kleine Behinderte“, sondern „Jetzt stell Dich auch mal nicht ganz so sehr an.“ So einen Arschtritt braucht man dann auch manchmal einfach.“

Ihr Rat an Menschen, die ihrerseits plötzlich mit einer Behinderung leben müssen: Sich etwas suchen, was Spaß macht und wo man Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderung hat. Und: Sport machen!

Genauso hat Maya es gemacht. Was man nicht denkt, wenn man die erfolgreiche Profisportlerin heute so sieht mit ihren Hamburg-Tattoos auf den Armen, der lässigen Beanie-Mütze auf dem Kopf und einem Schrank voller Medaillen, Pokalen und Auszeichnungen: Maya war früher ein echter Sportmuffel und kam erst über den Rollstuhl zum Basketball. Und dann dank Spaß am Spiel und der nötigen Portion Talent auch recht flott ins Nationalteam.

__________________________________________________

Infobox Rollstuhlbasketball:

Im Rollstuhlbasketball spielen in jedem Team fünf Menschen mit unterschiedlich starken körperlichen Einschränkungen zusammen. Je nach Schwere des Handicaps erhält jeder Spieler eine entsprechende Punktzahl. Zusammen darf das Team bis zu 14 Punkte aufs Spielfeld bringen. Diese Regelung ermöglicht es auch Fußgängern, teilzunehmen. Das Regelwerk unterscheidet sich nur geringfügig von dem des Fußgänger Basketballs. So dürfen beispielsweise statt zwei Schritten zwei Schübe am Rad gemacht werden. Rollstuhlbasketball gehört nicht nur in Deutschland zu den Kernsportarten des Para-Sports, sondern ist vor allem in den Niederlanden, England und den USA sehr populär.

__________________________________________________________

Kleiner Nachtrag

Das Interview mit Maya war nachhaltig bewegend. Nicht wegen ihres Lebens mit einer Behinderung und auch nicht unbedingt aufgrund ihres sportlichen Erfolgs. Was so bewegend nachhallt ist die kaum wahrnehmbare Ernsthaftigkeit, die bei aller Lockerheit und Fröhlichkeit in der 28-Jährigen mitschwang. Es ist die Art von Ernsthaftigkeit, die sich in den Gesichtern von Menschen zeigt, die vom Leben gezwungen wurden, zu wachsen. Man sieht nur wenige Menschen, die diesen Ausdruck mit Ende 20 so selbstverständlich im Gesicht tragen. Und ich bin sehr froh, einem Menschen wie Maya begegnet zu sein. Danke dafür – und natürlich auch für ein erfrischendes, ehrliches Gespräch inmitten eines straffen Leistungssportler-Zeitplans!

* offizieller Slogan der Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft 2018

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare erst nach Bearbeitung und Freischaltung veröffentlicht werden. Ihre E-Mail-Adresse wird hier nicht veröffentlicht und nur für die Kommunikation zu diesem Blog verwendet.