Lieber Home-Office oder ab ins Büro?

Die einen schwören drauf, die anderen können dem Heimarbeits-Trend gar nicht schnell genug davonlaufen. Was macht das Home-Office so verlockend – und was eben nicht? Und für wen eigentlich?

Das Telefonat mit einem Dienstleister brachte mich vergangene Woche ins Grübeln. Erst Kindergeschrei und Hundegebell im Hintergrund. Dann eine Tür, die entweder etwas zu zügig oder zu energisch geschlossen wird. Ich bin irritiert. Kinder und Hunde hätte ich bei diesem Unternehmen nicht erwartet. Dann doch noch mein Ansprechpartner am anderen Ende der Leitung, klar und deutlich, dabei leicht gehetzt. „Entschuldigen Sie, ich mache diese Woche Home-Office.“ Aha!

Die Freude, die mit seiner Stimme durchs Telefon strahlt, kann ich nicht teilen. Da muss der arme Mann nun den ganzen Tag zwischen Familie und Job hin und her springen. Das kann jawohl nicht mit Work-Life-Balance gemeint sein. Oder vielleicht doch?

Home-Office – ein aufstrebendes Modell

Was für die einen die totale Selbstentfaltung bedeutet, ist den anderen ein Gemisch aus Familien-Jongliererei, Disziplin und Karrierestolperstein. Dennoch ist das Arbeiten von Zuhause ein aufstrebendes Modell, das vor allem in den USA schon lange verbreitet aber auch von der europäischen Politik mehr und mehr gewünscht wird.

Es muss schon passen

Natürlich eignet sich nicht jeder Beruf dafür, ganz oder teilweise in die eigenen vier Wände verlagert zu werden. Verkäufer im Einzelhandel und die meisten Handwerker werden sicherlich nicht in die Verlegenheit kommen, über einen Heimarbeitsplatz nachzudenken. Bei Behörden, Agenturen und vielen Mittelständlern hingegen besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit für die Mitarbeiter, (teilweise) von zu Hause aus zu arbeiten.

Um diese Theorie in die Praxis umsetzen zu können, bedarf es noch einiger weiterer äußerer Gegebenheiten. Allem voran einen geeigneten Ort sowie eine zuverlässige Erreichbarkeit. Ungeeignet sind Schreibnischen im Schlafzimmer oder ein Arbeitsplatz am Küchentisch. Es sollte schon ein gut ausgestattetes Arbeitszimmer sein, in dem Sie die Tür schließen und in Ruhe arbeiten können. Auch eine entsprechend schnelle Internetverbindung ist Voraussetzung sowie die telefonische Erreichbarkeit.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann man seinen Heimarbeits-Wunsch schon einmal vorsichtig beim Chef vortragen. Sofern dieser die aktuellen Studien kennt, wird der sicher nichts dagegen haben.

Unternehmen profitieren. Wenn sie wollen.

Wissenschaftler von der Stanford Universität haben das Arbeiten im Home-Office genauer untersucht und werteten die Daten von 16.000 „Homeworkern“ über einen Zeitraum von neun Monaten aus. Das Ergebnis dürfte vor allem den Unternehmen gefallen: Die Heimarbeit steigerte die Leistung der Versuchsteilnehmer um stolze 13 %. Davon ergaben sich 9 % allein durch (freiwillige und unentgeltliche) Überstunden, seltenere und kürzere Pausen und weniger Krankschreibungen. 4 % Leistungsplus wurden der gesteigerten Konzentration durch weniger Störungen und Geräusche zugeordnet werden. Zudem gaben die Heimarbeiter einstimmig an, zufriedener mit ihrer Arbeit zu sein.

Die Mitarbeiter leisten also nicht nur mehr, sondern sind dabei auch noch zufriedener, was sie langfristig noch mehr ans Unternehmen bindet. Niedrigere Personalkosten durch geringere Krankenstände und sinkende Fluktuation dürften Unternehmer hierbei ebenso erfreuen, wie die steigende Reputation ihres Unternehmens, was wiederum benötigte Fachkräfte anlockt.

Diesem Idealszenario stehen allerdings auch einige Herausforderungen entgegen. Neben datenschutzrechtlichen und technischen Hürden schrecken Unternehmen vor den komplexeren Vertragsregelungen zurück. Sie fürchten darüber hinaus nicht nur einen Kontrollverlust, sondern auch eine schlechte Erreichbarkeit ihrer „Schäfchen“.

Lohnt sich Heimarbeit für Arbeitnehmer?

Das Fazit der oben genannten Studie der Stanford Universität fiel für Arbeitnehmer nicht ganz so rosig aus. Zwar waren sie deutlich zufriedener und leistungsstärker, als ihre permanent anwesenden Kollegen, dies wurde allerdings von den Chefs gar nicht wahrgenommen. Obwohl jeder Heimarbeiter pro Jahr durchschnittlich 375,- Dollar Mehrleistung brachte und 1250,- Dollar Bürokosten sparte, erhielten die Betroffenen seltener Gehaltserhöhungen oder Beförderungen.

Die oberste Regel für Homeworker lautet daher: Sichtbar bleiben und aktiv positiv auffallen. Hier ist Initiative auf allen Kanälen gefragt. Aktives Netzwerken mit den Kollegen, detaillierte Zielvereinbarungen und Ergebnisprotokolle mit dem Chef, Meetings einberufen und Erfolge kommunizieren.

Den Home-Office-Traum leben

Wer sich an die Auffallen-Regel hält, kann das Home-Office in all seiner Pracht genießen. Kein nerviges (und teures) Pendeln mehr, kein Chef, der einem im Nacken sitzt und keine sabbelnden Kollegen in der Kaffeeküche. Dafür umso mehr motivierende Eigenverantwortung, ununterbrochene Produktivitätsschübe und eine flexible Zeiteinteilung, wie es mir und meiner Familie am besten passt. So kann Arbeit zum Vergnügen werden!

Vorausgesetzt, Sie sind gut organisiert und können den vielen Versuchungen und Ablenkungen, die zu Hause auf Sie warten, widerstehen. Mal eben den Geschirrspüler ausräumen, den Nachmittag „nebenbei“ auf die Kinder aufpassen, beim Mittagessen nebenher weiterarbeiten sind klassische Stolperfallen für Heimarbeiter, die es mit klarer Zeiteinteilung und Disziplin zu überwinden gilt. Verwischen die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben erst einmal, gibt es auch keinen klaren Feierabend mehr, was notgedrungen zu Überarbeitung und Selbstausbeutung führt.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Gefahr des Kontaktverlustes zu den Kollegen. Die bloße Möglichkeit, hier den Anschluss zu verlieren, nicht mehr so richtig dazu zu gehören, lässt viele den Home-Office-Gedanken wieder verwerfen.

Für mich ist das nichts. Für Sie vielleicht?

Ich mag meinen Arbeitsplatz. Samt Kollegen, die vielleicht manchmal stören aber oftmals eben auch für die Entstehung toller Ideen unentbehrlich sind. Sogar den Weg hierher mag ich, weil er für mich die klare Trennung von Berufs- und Privatleben symbolisiert. Weder sehne ich mich danach, den Arbeitstag im Pyjama bestreiten zu können, noch möchte ich das Eingebunden sein hier vor Ort missen. Sie lesen es vielleicht heraus: Ich habe mir die Sache genauestens überlegt. Sie auch?

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

1 Kommentar

  1. Mir fehlt hier ein Punkt am Home-Office, der für mich überaus wichtig ist: Flexibilität.

    Ich möchte keine fixen Tage, an denen ich von zu Hause arbeite. Ich möchte kein gut ausgestattetes Arbeitszimmer, das dem im Büro gleicht.
    Ich möchte mich an bestimmten Tagen mit dem Firmenlaptop (notfalls auch im Pyjama) zu Hause (oder auch anderswo) hinsetzen, um zu arbeiten.

    Das möchte ich genau dann, wenn
    – ich nach der Arbeit am frühen Nachmittag etwas erledigen muss.
    – ich zwischendurch einen Arzt- oder anderen privaten Termin habe.
    – sich der Handwerker oder Heizungsableser mal wieder für 9–18 Uhr angekündigt hat.
    – ich die Kinder in den Kindergarten bringen und/oder von dort abholen (5-stündige Betreuung) muss.
    – ich einen Vortrag vorzubereiten habe.
    – ich in den Randzeiten arbeiten möchte.
    – ich die ganze Woche auf Dienstreise war.
    – ich absolute Ruhe brauche usw.

    Wenn dies nur ab und zu passiert, so meine persönliche Wahrnehmung, dann ist das für mich ungemein effizienz- und zufriedenheitssteigernd.

    Der von Ihnen geschilderte Dienstleister scheint es ja vielleicht auch so zu handhaben 🙂

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare erst nach Bearbeitung und Freischaltung veröffentlicht werden. Ihre E-Mail-Adresse wird hier nicht veröffentlicht und nur für die Kommunikation zu diesem Blog verwendet.