Neulich an der Teppichkante – Arbeitsunfälle als heikles Thema

Ich mache es mal kurz: Kaffee geholt, Telefon geklingelt, über den Gang gehastet, unglücklich um die Kurve gebogen, Wechsel von PVC auf Teppich übersehen, ins Stolpern geraten, lang gelegt.

Puh, Glück gehabt!

Sie kennen sicher diese endlos erscheinenden Zehntelsekunden, in denen man in etwa folgende Sätze denkt. „ Huch! … Ach, das schaff’ ich noch. … Naja, jetzt wird’s wirklich eng. … Mist, der ganze Kaffee auf meinem Tisch. … Oh, jetzt sollte ich mich irgendwie geschickt abrollen. … Passiert das jetzt wirklich? … Aua!“

Das mit dem Kaffee war in der Tat ärgerlich. Nicht mein Tisch schwamm in hellbrauner Flüssigkeit, sondern auch mein Handy und die Computertastatur. Viel bedenklicher allerdings war die Tatsache, dass ich im Fall pflichtbewusst die Kaffeetasse festgehalten hatte und mit der Hand schließlich direkt auf ihr gelandet war.

Zwar war mir meine Lieblingstasse treu geblieben und hat sich dem Aufprall nicht in Scherben ergeben aber ich muss gestehen, dass mich dieser Vorfall ziemlich ins Grübeln brachte. Angefangen mit den Worten …

… was wäre wenn?

Tagelang verfolgte mich diese Frage durch meinen Arbeitsalltag. Diverse mögliche Unfallszenarien stellten sich bereits auf dem Hinweg dar: Angefahren, umgeknickt, vom Blitz getroffen, entführt. (Ich gebe zu, letzteres wurde eher aus der Abendlektüre geboren.) Über den Tag verteilt begegneten mir unzählige weitere mögliche Unfallbedrohungen und mir wurde immer klarer: Ich hatte echtes Glück!

Die Tasse hätte zerbrechen und meine Hand übel zerschneiden können. Nur wenige Zentimeter weiter wäre ich mit dem Kopf auf der Tischkante gelandet oder gar in den Scherben der zerbrochenen Tasse, was noch übler hätte ausgehen können. Und dann? Hat man die Umrisse des Teufels erst einmal an die Wand gemalt, kann man ihn ebenso gut ausmalen. Also griff ich zum mentalen Buntstiftsortiment.

Gedankenspiel: Arbeitsunfähig nach Unfall

Statt blauer Flecken liegt nun also eine ausgewachsene Arbeitsunfähigkeit vor. Und nun? Bin ich auf mich allein gestellt? Wer hilft mir? Mein Arbeitgeber? Wenn ja, wie lange? Und was wenn ich nie wieder arbeiten kann?!

Der Blick in die Statistik machte meine Sorge noch realer: 2017 ereigneten sich laut DGUV (Deutsche gesetzliche Unfallversicherung) insgesamt 873.562 meldepflichtige Arbeitsunfälle, von denen 454 tödlich verliefen und immerhin 18.244 zur Auszahlung einer Unfallrente führten. Hoppla!

Was ist ein Arbeitsunfall?

Man möchte ja meinen, ein Arbeitsunfall sei ein Unfall bei der Arbeit. So einfach ist es dann aber doch nicht. Der Unfall muss nicht nur bei der Arbeit auftreten, sondern auch infolge dieser und in einem inneren Zusammenhang damit stehen.

Wegeunfall – anderer Name, gleiche Absicherung

Auf gleiche Weise gehandhabt wie ein Arbeitsunfall werden Unfälle, die sich auf dem Weg zu oder von der Arbeit ereignen. Zwar ist hierbei die Rede vom „direkten“ Weg, versichert sind allerdings auch bestimmte Umwege, beispielsweise, um Kinder während der Arbeitszeit unterzubringen, bei Fahrgemeinschaften, Umleitungen oder weil der Arbeitsplatz über einen längeren Weg schneller zu erreichen ist.

Einmal nicht aufgepasst und schon ist es passiert.
Einmal nicht aufgepasst und schon ist es passiert.

Wer haftet?

Versichert ist man über den Arbeitgeber. Ganz gleich, ob der Unfall sich direkt auf der Arbeit oder auf dem Weg dorthin, bzw. nach Hause ereignet. Leistungen erhält man in der Regel von der Berufsgenossenschaft, an die der Arbeitgeber Beiträge entrichtet. Vorausgesetzt, man ist nicht absichtlich verunfallt oder stand zum Unfallzeitpunkt unter Drogeneinfluss.

Welche Leistungen gibt es?

Die Berufsgenossenschaft leistet, wenn ich meinen Lebensunterhalt nicht mehr wie vor dem Unfall selbst verdienen kann. Zur Sicherung meines Lebensunterhaltes werden unterschiedliche Geldleistungen gezahlt, wie beispielsweise Verletztengeld, Verletztenrente, Pflegegeld oder Hinterbliebenenrente im Todesfall.

Darüber hinaus gibt es medizinische Leistungen, die von der ambulanten Facharztbehandlung über die Ausstattung mit Hilfsmitteln bis hin zu speziellen Sport- und Therapieangeboten reichen.

Zusätzliche Leistungen zur Teilhabe am beruflichen und sozialen Leben können beantragt werden.

Das klingt doch alles gar nicht so schlecht. Bis ich mir die spitzfindigen Gesetzestexte noch einmal in aller Ruhe durchlese und auf versteckte Ausschlussformulierungen durchforste.

Kein Versicherungsschutz

Kein Versicherungsschutz besteht, wenn Verletzungen oder Gesundheitsschäden ohne Einwirkung von außen zufällig während der versicherten Tätigkeit auftreten.

Wenn also zum Beispiel ein Kind im Hort plötzlich Nasenbluten bekommt oder ein Mitarbeiter am Schreibtisch einen Herzinfarkt erleidet.

So ist beispielsweise ein Herzinfarkt am Schreibtisch während der Arbeit genauso wenig ein Arbeitsunfall, wie das plötzliche Nasenbluten eines Kindes im Hort. Ebenso entschied das Landessozialgericht Bayern in einem Urteil vom 06.05.2003 (Az.: L 3 U 323/01), dass der Unfall einer Schülerin während des Toilettenganges – verursacht durch die schwungvolle Öffnung der Toilettentür durch eine Kollegin – eben nicht den Voraussetzungen für einen Arbeitsunfall entspräche.

Das bedeutet für meinen Stolperer also was? Es gab keine Einwirkung von außen. Ich habe mich einfach etwas ungeschickt angestellt und bin im wahrsten Sinne über meine eigenen Füße gestolpert. Das wäre dann wohl kein Arbeitsunfall. Eine hypothetische Arbeitsunfähigkeit hätte also ziemlich reale finanzielle Folgen für mich gehabt.

Wer zahlt bei Dusseligkeit?

Man kann wohl sagen, dass Dusseligkeit ein reines Privatvergnügen ist. Wenn auch ein zweifelhaftes. Ich für meinen Teil habe nach diesem „teuflischen“ Gedankenspiel jedenfalls beschlossen, dass eine private Unfallversicherung durchaus sinnvoll ist. Denn die fragt und forscht nicht lange nach „äußeren Einwirkungen“!

2 Kommentare

  1. Ich denke, man kann die Leisungspflicht der gesetzlichen Unfallversicherung nicht einfach
    mit dem Hinweis auf “eigene Dusseligkeit” verneinen. Wenn jemand aus Ungeschicklichkeit
    trotz Kenntnis der Folgen mit seiner Hand in eine tonnenschwere Maschine gerät, so hat er
    sicherlich “dusselig” gehandelt, die gesetzliche Unfallvers. wird m.E. aber wohl leisten müssen,
    wenn es ein Arbeitsunfall war. Dagegen dürften Nasenbluten oder Herzinfarkt ohne äußeren
    Einfluss auch in der privaten Unfallversicherung kaum abgedeckt sein, vielmehr ist konkret zu
    prüfen, ob der Unfallbegriff erfüllt ist,

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