Entscheidungen – was macht sie uns so schwer?

„Was soll ich bloß tun?!“ Katzengejammer ist nichts gegen das, was meine Freundin Marion mir nun schon seit gut 90 Minuten durchs Telefon ins Ohr jammert. Sie leidet eine der schlimmsten Qualen unserer Zeit: die Qual der Wahl. Ich möchte helfen – aber wie?!

Ich weiß nicht!

A oder B, ja oder nein, Hü oder Hott?! Sie können die Platzhalter beliebig ergänzen. Wir alle kennen die Misere einer schweren Entscheidung. Den Dauerbrenner „Kind oder Karriere“ hat sich Marion gerade herausgepickt. Der Auslöser heißt wahrscheinlich biologische Uhr. Oder Gruppenzwang. Oder Christian. Das ist ihr Mann.

So sicher ist sich Marion da allerdings auch nicht mehr. Sie ist verwirrt, aufgelöst, ungeduldig, aufgescheucht und schwankt permanent zwischen traurig, zickig, resigniert und enthusiastisch.

Samurai, hilf!

In der 96. Minute unseres Gespräches fühle ich mich auch schon ganz wirr und unentschlossen. Da fällt mir eine Weisheit der Samurais ein, die besagt, du sollst nie länger warten, als sieben Atemzüge, wenn du vor einer Entscheidung stehst. Nach einer kurzen Pause fragt Marion wieder: „Was soll ich bloß tun?!“ Also atme ich sieben Mal tief durch, bevor ich Marion verspreche: „Ich weiß es nicht. Aber ich finde es heraus und melde mich morgen bei Dir!“

Wie geht entscheiden?

Wenn etwas hakt und man es wieder zum Laufen bringen möchte, muss man erst herausfinden, wie es eigentlich funktioniert. Genau so werde ich mit Marions Entscheidungsapparat verfahren. Also erst mal herausfinden, wie Entscheiden geht!

Die Anatomie der Entscheidung

Was die genaue Struktur und die detaillierten Abläufe der Entscheidungsfindung angeht, ist die Wissenschaft – Sie dürfen ruhig lachen – noch immer unentschlossen. Eigentlich war man sich ja bereits seit der Antike sicher, Entscheiden sei ein rationaler Prozess, Gefühle wären lediglich ein Störfaktor. Mit Einzug des 20. Jahrhunderts verlagerte sich der Blick der Forscher mehr und mehr von Ratio auf Emotio. Oder salopp gesagt vom Kopf auf den Bauch, das vermeintliche Zentrum der emotionalen Intelligenz, der Intuition, des sprichwörtlichen Bauchgefühls.

Die große Frage: Womit trifft man denn nun die richtigen Entscheidungen?

Ratio – her mit den Fakten!

Unsere Logik braucht Zahlen, Daten und Fakten, mit denen ausschweifend hantiert, sorgsam abgewägt und souverän entschieden werden kann. Nach Betrachtung aller relevanten Aspekte kann also nach allen Regeln der Logik der richtige Entschluss gefasst werden. Das Dumme an der Logik: Sie macht nur zufällig glücklich – wenn überhaupt.

Emotio – alle Macht dem Gefühl!

Also lieber gar nicht nachdenken und alles nach dem Bauchgefühl entscheiden? Auch keine gute Wahl, denn auf unseren Bauch ist – so ganz auf sich allein gestellt – ebenfalls wenig Verlass. Nur allzu leicht lassen wir uns von unbewussten Ängsten, Vorurteilen und Erinnerungen beeinflussen.

Eine gute Entscheidung braucht Kopf und Bauch

So viel ist also schon einmal klar: Starre Logik, die Wohlbefinden und Vorlieben einfach außer Acht lässt, führt zu faktisch nachvollziehbaren Entscheidungen, die allerdings wenig mit uns als Individuum zu tun haben. Das Glück bleibt auf der Strecke. Der Bauch hingegen ist blind für stichhaltige Argumente und trifft im wahrsten Sinne des Wortes „leicht-sinnige“ Entscheidungen. Beides führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu dem wohl schlimmsten Ergebnis einer Entscheidungsfindung: Reue.

Der Weg, zu guten Entscheidungen führt also über eine innere Koalition, in der Bauch und Kopf gleichberechtigt ihre Meinung vertreten – genau wie alle anderen Beteiligten.

Unsere Hormone entscheiden mit

Unterhalb der Schwelle zu unserem Bewusstsein mischen noch so einige weitere Bestimmer mit: unsere Hormone.

So verleitet uns das Hormon Dopamin dazu, die uns vertraute Alternative vorzuziehen. Auch wenn rational nichts dafür spricht. Dopamin „belohnt“ uns sozusagen, wenn wir etwas wiedererkennen. Auch das Sexualhormon Testosteron steuert uns heimlich, nämlich in Richtung höherer Risiken.

Viele weitere Entscheidungsfaktoren

Die Forscher haben gerade erst angefangen zu verstehen, was bei Entscheidungen so alles in uns vorgeht. Und sie entdecken immer mehr Faktoren, die uns unbewusst beeinflussen. Neben den Hormonen sind das Erinnerungen, die eigene Herkunft, Gewohntes und familiär Geprägtes und natürlich auch ganz spontane Gefühle. Sogar die Tageszeit kann eine Rolle spielen.

Wir müssen uns also damit abfinden, dass in uns weit mehr Entscheider am Werk sind, als die beiden uns bewussten Kopf und Bauch.

Wie kann ich besser Entscheidungen treffen?

Drüber schlafen

So banal es klingt, so wertvoll ist dieser Tipp. Denn Schlaf, selbst ein Nickerchen, harmonisiert unseren Hormonhaushalt und sortiert das Seelenleben. Das zeigt eine wachsende Zahl von Studien. Damit sind mögliche unbewusste Störfaktoren reduziert und Sie können erholt und bewusst Ihre Entscheidung fällen.

Blase füllen

Nein, das ist kein Witz. Ein niederländisches Forscherteam kam nach einem Experiment mit Freiwilligen tatsächlich zu dem Ergebnis, dass wir mit voller Blase langfristigere und damit bessere Entscheidungen treffen.

Licht aus

Sie stehen vor einer wichtigen Entscheidung und wollen diese eher rational treffen? Dann drehen Sie das Licht herunter. Denn helles Licht, so haben Wissenschaftler der Rotman School of Management und Aparna Labroo von der Northwestern Universität herausgefunden, verstärkt unsere Emotionen.

Stress runter

Vorsicht bei Entscheidungen unter Stress! Denn der führt laut kanadischen Wissenschaftlern um Theodore Noseworthy von der Universität von Guelph zu riskanteren Entscheidungen. Gründliches Abwägen und Reflexion werden unter Druck verhindert.

Aufstehen

Eine Studie des Psychologen Frank Fischer von der Münchner LMU ergab, dass simples Aufstehen zu besseren Entscheidungen führt. Die Probanden, die häufiger aufstanden und im Stehen arbeiteten, hatten 24 % mehr Ideen und trafen in 25 % der Fälle bessere Entscheidungen als die Sitzenbleiber.

Und statt Oder

Ihre Optionen stehen im scheinbaren Widerspruch zueinander? Versuchen Sie einen Perspektivwechsel. Statt die Optionen als unvereinbar zu betrachten, versuchen Sie doch einmal, diese als zwei Teile eines Ganzen zu sehen. Nicht Sicherheit oder Freiheit, sondern Sicherheit und Freiheit. Suchen Sie einen Weg, beides miteinander zu verbinden. Einen Kompromiss, mit dem Sie von beidem das für Sie Wichtigste vereinen können.

Plötzlich heißt es nicht mehr „Entweder, oder!“, sondern „wie viel wovon?“. Finden Sie die für Sie richtige Mischung.

Richtig? Falsch!

Es gibt weder ein globales richtig, noch ein allgemeingültiges falsch. Es gibt nur das für Sie Richtige. Eine vermeintliche Spitzfindigkeit, die Sie allerdings von so manchen Erwartungen von außen befreien kann.

Kind & Karriere

Vielleicht fragen Sie sich, was denn nun eigentlich aus meiner Freundin Marion und ihrer quälenden Entscheidung zwischen Kind und Karriere geworden ist. Natürlich war sie die Erste, der ich meine Erkenntnisse über Entscheidungen zukommen ließ. Ich hörte ganze drei Tage nichts von ihr. Dann erreichte mich eine E-Mail, die nichts als ein großes, dickes „&“-Zeichen und das Wort „Danke“ enthielt. Ich vermute mal, das spricht für aktive Familienplanung und einen zukünftigen Vater, der sich bereits auf seine Elternzeit freut. Aber wer weiß …

1 Kommentar

  1. Schöner Artikel. Bevor man eine wichtige Entscheidung trifft, sollte man emotional runterfahren und sich die Zeit nehmen, das Problem sachlich und analytisch zu untersuchen. Danach kann man sich später keinen Vorwurf mehr machen.

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