Depressionen erkennen und damit umgehen!

Es gibt kaum eine Erkrankung, die so weit verbreitet und dabei so „unsichtbar“ ist, wie Depressionen. Niemand spricht gern darüber, dass etwas mit seiner Psyche nicht stimmt. Und niemand hört gerne zu, wenn der Gegenüber von fehlender Freude, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung spricht. Höchste Zeit, dass sich das ändert!

Mehr Bekenner = mehr Akzeptanz

„Mein Name ist Bond. James Bond. Und ich leide unter Depressionen.“ Ich gebe zu, so lautete der Artikel, der vor einigen Tagen in der Zeitung erschienen war, nicht. Aber so habe ich ihn abgespeichert – und mich gefreut. Natürlich nicht darüber, dass Ex-Bond-Star Bierce Brosnan unter dieser Erkrankung leiden musste. Keinesfalls! Ich habe mich vielmehr darüber gefreut, dass nach Adele, Bruce Springsteen und Lady Gaga ein weiterer Prominenter offen über seine Depressionen spricht. Über diese ernsthafte Erkrankung, die leider noch immer nicht „gesellschaftsfähig“ ist. Die unter falscher Scham begraben und oftmals gänzlich geheim gehalten wird. Was einer Heilung oft im Wege steht und nur für noch mehr Belastung und Probleme auf Seiten der Betroffenen sorgt. Deshalb kann man sich meiner Meinung nach nur darüber freuen, wenn Menschen des öffentlichen Lebens das Bewusstsein und die Akzeptanz für ein solch vermeintliches „Tabu-Thema“ wecken.

Depressionen – wer hat denn so etwas?!

Pro Jahr erkranken in Deutschland mehr als 5,3 Millionen Menschen an Depressionen, informiert die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Jeder fünfte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Eine besonders gefährdete Zielgruppe gibt es nicht. Depression kann jeden treffen: Frauen wie Männer, Kinder wie Senioren, Manager wie Arbeitslose, Sie wie mich.

„Depri-Phase“ und „Winterblues“

Depression bezeichnet eine ernsthafte Erkrankung, die nicht viel mit vorübergehenden Phasen von Unlust und Niedergeschlagenheit oder winterlichen Stimmungstiefs zu tun hat. Eine Depression im medizinischen Sinne beeinflusst das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen und geht mit Störungen von Körperfunktionen einher. Aus eigener Kraft ist kein Ausweg zu finden.

Die umgangssprachliche Verwendung birgt zudem die große Gefahr der Verharmlosung. Schließlich ist jeder mal ein bisschen „depri“, da muss man ja nicht gleich zum Arzt … Ein Irrglaube. Denn wie jede andere ernsthafte Erkrankung ist auch eine Depression behandlungsbedürftig.

Woran erkennt man eine Depression?

Wie unterscheidet man nun den Winterblues von der handfesten Depression? Hierzu gibt es eine einfache Faustregel: (Mindestens) zwei Hauptsymptome + (mindestens) zwei Nebensymptome über mehr als zwei Wochen = Depression.

 

Die Hauptsymptome

  • Gedrückte Stimmung Niedergeschlagenheit, innere Leere, ein Gefühl wie versteinert oder aber die fehlende Wahrnehmung eigener Gefühle dominieren.
  • Interessen-/Freudlosigkeit Der Betroffene hat kein Interesse und keine Freude mehr an früher wichtigen Dingen, wie Hobbys, Beruf, Freizeitaktivitäten, Familie oder Freunden.
  • Antriebsmangel/Ermüdbarkeit Selbst kleinste Aktivitäten (Aufräumen, Einkaufen, Zähneputzen, …) kosten größte Überwindung, sind extrem erschöpfend oder können gar nicht mehr bewältigt werden.

Die Nebensymptome

  • Verminderte Konzentration/Aufmerksamkeit
  • Vermindertes Selbstwertgefühl/Selbstvertrauen
  • Gefühle von Schuld/Wertlosigkeit
  • Negative und pessimistisch Zukunftsperspektiven
  • Suizidgedanken/Suizidhandlungen
  • Schlafstörungen
  • Verminderter Appetit

 

Ursachen und Auslöser klinischer Depressionen

Depressionen sind multifaktoriell und haben meist mehrere Ursachen. Die vererbt oder erworben sein können und sich gegenseitig begünstigen. Es sind stets sowohl psychische, als auch körperliche Faktoren zu betrachten. So können traumatische Ereignisse oder schwere Verlusterlebnisse ebenso in eine Depression führen, wie genetische Faktoren oder ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn. In jedem Fall sollte bei der Behandlung auf beiden Ebenen Ursachenforschung betrieben und „gearbeitet“ werden.

Depressiv – und nun?

Sie vermuten, selbst an einer Depression erkrankt zu sein? Einen Selbsttest finden Sie hier. Wichtig: Behalten Sie diese Sorge keinesfalls für sich. Vertrauen Sie sich Ihrer Familie oder Ihren Freunden an und besprechen Sie sich mit Ihrem Hausarzt. Er wird Ihnen weitere Schritte und Möglichkeiten vorschlagen.

Sind Familie oder Freunde betroffen, ist es meist nicht weniger schwer. Einst nahestehende, frohgemute Menschen verlieren sich in Schwermut, wenden sich ab und nehmen nur noch bedingt am Leben teil. Hier sind Sie als aufmerksamer, liebevoller Freund oder Angehöriger gefragt.

Ziehen Sie einen Arzt zu Rate

Sollten Sie Anzeichen für eine Depression bei einem Ihnen nahen Menschen zu erkennen glauben, vereinbaren Sie für den Betroffenen einen Arzttermin. Entweder beim Hausarzt oder direkt beim Facharzt, also einem Psychiater oder Nervenarzt. Hier können die Symptome abgewägt und eine klare Diagnose gestellt werden.

Nehmen Sie es nicht persönlich

Es liegt nicht an Ihnen, wenn sich beispielsweise Ihr Partner mehr und mehr verändert und zurückzieht. Und auch nicht an Ihrem Partner. Vergessen Sie das nicht. Erkennen Sie die Depression als eigenständige Erkrankung an. Nur so begegnen Sie dem Betroffenen mit Respekt. Und der ist die wichtigste Grundlage, um eine Hilfe sein zu können.

Geduld statt Druck

Es mag wirken, als hätten Sie es plötzlich mit einem komplett anderen Menschen zu tun. Und das wiederum mag manch einem Angst einjagen. Bleiben Sie trotzdem dran – es wird besser werden. Beschleunigen können Sie das wenn überhaupt, dann nur durch Geduld und liebevollen Zuspruch. Nicht durch Druck oder Ratschläge wie etwa „Reiß dich mal zusammen“.

Überfordern Sie sich nicht

Ihrem an Depression leidenden Freund, Partner oder Familienmitglied ist nicht geholfen, wenn Sie auch noch „ausfallen“. Achten Sie auf Ihre eigenen Kraftreserven, sein Sie gut zu sich und pflegen Sie Ihr soziales Umfeld. Nehmen Sie Hilfe an und denken Sie über den Austausch innerhalb einer Selbsthilfegruppe für Angehörige nach.

Bitte vergessen Sie nicht: Depressionen sind heilbar. Einzige Voraussetzung ist die richtige Behandlung. Und die wiederum erhält nur, wer den Schritt wagt, offen über seine Symptome zu sprechen. Also plädiere ich dafür, all die als Tabus oder gesellschaftliche Konventionen getarnten Stolpersteine schnellstens aus dem Weg Richtung Genesung zu räumen. Durch mehr Bewusstsein und mehr Akzeptanz – ab sofort.

4 Kommentare

  1. Viele Dank für den Artikel. Da meine Mutti derzeit auch an einer schweren Depression leidet, hat mir der Artikel einige Fragen zu dieser Krankheit beantworten können. Doch wie kann ich als Außenstehender einer betroffenen Person nun konkret weiterhelfen, insbesondere wenn die Antriebslosigkeit so groß ist, dass das Leben jeden Tag eine Qual darstellt? Es tut weh als Angehöriger zu hören, dass sie uns nicht zur Last fallen will und es doch besser wäre, wenn sie nicht mehr da sei…

    1. Lieber Frau Heiber,
      ja, es tut unendlich weh, einem geliebten Menschen dabei zusehen zu müssen, wie er Freude, Perspektive und Hoffnung verliert. Und es ist umso schwerer, da man nicht viel mehr tun kann, als einfach für diesen Menschen da zu sein. Den wichtigsten Schritt haben Sie bereits mit dem Verständnis und der Akzeptanz dieser Erkrankung getan. Auch wenn es sich vielleicht nicht so anfühlt, damit tun Sie bereits ganz konkret etwas für Ihre Mutter: sie verstehen und sie akzeptieren. Das ist sehr viel hilfreicher, als bemitleiden, ablehnen, negieren oder bagatellisieren.

      Weitere Hilfestellung könnte darin bestehen, Ihre Mutter beispielsweise mehrmals wöchentlich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen. Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft kann Depressionen erheblich lindern. Sofern Ihre Mutter sich damit wohl fühlt, könnten Sie ihr auch einige Dinge des täglichen Lebens abnehmen, wie beispielsweise den Einkauf oder Sie organisieren jemanden, der den Hausputz übernimmt. Sprechen Sie mit Ihrer Mutter. Fragen Sie, was ihr besonders schwer fällt und schauen Sie, ob Sie ihr dabei helfen können und wollen. Loben Sie sie für das, was Sie geschafft hat oder täglich schafft und machen Sie ihr Mut, dass Depressionen heilbar sind, dass sie sich besser fühlen wird. In ihrem ganz eigenen Tempo.

      Aber bitte vergessen Sie sich selbst bei allem Helfen nicht. Verausgaben Sie sich nicht und bleiben Sie sich darüber bewusst, dass Sie die Tochter sind und kein Therapeut. Das heißt, Sie dürfen auch mal genervt sein, wütend oder einfach hilflos. Achten Sie darauf, dass Sie ausreichend Ausgleich und Regeneration für sich selbst schaffen. Nur so können Sie Ihrer Mutter langfristig eine wirkliche Hilfe sein.

      Wir wünschen Ihnen, Ihrer Mutter und Ihrer ganzen Familie von Herzen alles Gute!

      Viele Grüße, Patricia Crone

  2. meine Tochter leidet seit einigen Jahren unter dieser Krankheit. Es hat sich innerhalb der letzten
    6 Monate drastisch verschlechtert. Sie ist 35 Jahre alt und wir haben kaum eine Möglich Ihr zu
    helfen. Ich find Ihren Artikel sehr hilfreich.

    Gerd Krüger

    1. Lieber Herr Krüger,
      vielen Dank, für Ihre positive Rückmeldung. Es freut mich, wenn Ihnen der Artikel weiterhelfen konnte.
      Es tut mir sehr leid, dass es Ihrer Tochter so schlecht geht. Aber bitte vergessen Sie bei den ganzen Sorgen nicht sich selbst.

      Ich wünsche Ihnen und Ihrer Tochter viel Kraft.

      Viele Grüße, Patricia Crone

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