Norbert Dickel im Interview!

Die selbst ernannte ‘Schissbuchse’ über Erfolg, Disziplin und die größten Chancen und Risiken seines Lebens. Und natürlich über den Pokalsieg 1989.

Der ehemalige Fußballprofi hat von 1986–1990 insgesamt 90 Spiele für den BVB bestritten und darin 40 Tore erzielt. Heute ist Norbert Dickel Stadionsprecher im SIGNAL IDUNA PARK. Zum Interview erscheint er leger und unaufgeregt. Er ist die Medien gewöhnt, das merkt man ihm an. Das Schöne dabei: er bleibt dennoch erfrischend authentisch.


Das ganze Interview als Video

Was war für Sie persönlich der größte Erfolg Ihrer Karriere? Ohne wen hätten Sie es nicht geschafft?

Mein größter Erfolg war sicherlich der Pokalsieg 1989. Dieses Spiel hat meinen weiteren Werdegang nachhaltig beeinträchtigt. Ohne Bernd Ressle aus dem Reha-Zentrum in Düsseldorf hätte ich das damals mit Sicherheit nicht geschafft. Niemals wäre ich in sechs Wochen wieder fit geworden, das hat wirklich er geschafft. Tag und Nacht hat er an dem blöden Knie gearbeitet sodass es genau gepasst hat zum Pokalfinale.

Was vermissen Sie am aktiven Spieler-Alltag am meisten?

Mir fehlt die regelmäßige Bewegung, also das Training. Ich war mit Leib und Seele Fußballer, mir hat das immer totalen Spaß gemacht. Und wenn Du dann hörst, Du darfst plötzlich auf keinen Fall mehr Fußball spielen, dann ist das schon hart. Diese Herausforderung, jede Woche Spiele zu gewinnen, das fehlt mir am meisten.

Was würden Sie sagen, sind die wichtigsten Attribute eines Profi-Fußballers?

Als erstes Disziplin. Bereit, über die Grenzen hinauszugehen. Körperlich immer fit zu sein, dazu gehört Ernährung, Training, Psyche. Und sich voll und ganz dem Sport hinzugeben. Ich glaube, das ist das Wichtigste beim Profi-Fußballer.

Müssen Profi-Fußballer risikobereit sein? Warum (nicht)?

(lacht) Ja, sehr, das ist einfach so. Wenn man sich die Spiele in der Bundesliga anschaut, weiß man, dass man immer 100 Prozent geben muss. Aber manchmal ist man eben einfach nicht 100 Prozent fit. Die Frage ist dann, wie viel Risiko man eingeht, wenn man 90 Prozent fit ist und trotzdem der Mannschaft helfen möchte. Wer da in dem Job nicht risikobereit ist, der wird auch keinen Erfolg haben.

Wie gehen Sie generell mit Risiken oder möglichen Gefahren um? Verdrängen? Bestmöglich absichern? Ignorieren?

Ich bin in der Beziehung eher ne „Schissbuchse“. Ich möchte immer vernünftig abgesichert sein und alles möglichst sicher gestalten. Das ist einfach mein Naturell, so bin ich erzogen worden. Dass man einfach immer dafür sorgen muss, dass falls irgendwann mal etwas passiert, man vernünftig abgesichert ist nach allen Seiten.

Würden Sie sagen, dass der Fußball-Sport sich in den letzten Jahren verändert hat?

Normalerweise müsste ich natürlich sagen „Oh ja, Fußball war früher schneller!“ (lacht). Das ist aber nicht so, sondern er ist heute viel, viel schneller geworden. Taktisch hat sich unfassbar viel getan, wenn man sich vorstellt, dass Spieler in der Vorwärtsbewegung ein gewisses System spielen, in der Defensive ein System spielen. Die Technik muss 100 prozentig bei jedem einzelnen Spieler da sein, ob Du nun in der Abwehr bist oder im Sturm. Früher konntest Du einen Abwehrspieler auch mal aufstellen und sagen, der kommt aus dem Sauerland, der hat früher Wurzeln umgetreten. Das geht heute nicht mehr. Heute musst Du ein perfekter Fußballer sein, um wirklich ganz oben in der Spitze bestehen zu können. Es ist alles schneller geworden, technisch besser, läuferisch stärker. Es hat sich sehr, sehr viel getan.

Gab es in Ihrem privaten oder beruflichen Leben Chancen, die Sie aus Angst oder Vorsicht verpasst haben?

(Nach kurzer Denkpause) Hm, Chancen wahrgenommen, ja! Ich habe die Chance wahrgenommen, ein Pokalendspiel zu spielen. Und das hat mein Leben nachhaltig beeinflusst. Ich habe die Chance gesehen, einmal in meinem Leben bei einem Endspiel mit dabei zu sein und eventuell sogar einen Titel zu gewinnen. Es gibt Fußballer, die haben 400 Bundesligaspiele gespielt und haben nicht einen einzigen Titel. Und diese Chance habe ich wahrgenommen, bin damit allerdings bezüglich meines Knies auch ein Risiko eingegangen. Wobei das Spiel selbst jetzt keinen direkten Einfluss darauf hatte, ob ich noch mal spiele oder nicht aber so würde ich das rückblickend dann schon beurteilen.

Hatten Sie für die Zeit nach Ihrer Karriere vorgesorgt?

Es lief insofern für mich etwas blöd, als dass ich vier Wochen vor dem Endspiel ein Haus gekauft habe. Wir haben damals nicht so viel verdient, wie heute und ich habe meine gesamten Ersparnisse in die Finanzierung des Hauses gelegt. Danach habe ich nur noch sechs Spiele gemacht. Das war dann keine so schöne Zeit für meine Familie und mich aber wir haben alles gut überstanden.

Haben Sie parallel zu Ihrer Profi-Laufbahn eine „solide“ Ausbildung absolviert?

Ja, ich habe eine Ausbildung als Werkzeugmacher gemacht. Schön im Wittgensteiner Land. Habe nach der Lehre allerdings lediglich zwei oder drei Monate in dem Beruf gearbeitet. 1961 war ein sehr geburtenstarker Jahrgang, da überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen, war nicht ganz einfach, da war ich also froh drüber. Ich hab also ein Handwerk gelernt und ich kann zu Hause die Bilder selbst aufhängen (lacht).

Steigt das Verletzungsrisiko mit dem Aufstieg oder ist es in den unteren Ligen eher geringer?

Grundsätzlich würde ich sagen, das Verletzungsrisiko ist überall gleich sofern auf einem Niveau gespielt wird. Erhöhte Verletzungsgefahr besteht, wenn hochklassige Clubs gegen Mannschaften aus den unteren Ligen spielen. Bei den unterklassigen Mannschaften sind einfach die technischen Voraussetzungen nicht gegeben und es wird brutaler zugetreten. Ich hatte immer Angst, wenn wir gegen unterklassige Vereine spielten, weil dabei aufgrund technischer Differenzen, viel schneller etwas passieren konnte. Aber der ein oder andere möchte halt auch gerne abends an der Theke was erzählen können.

Bitte vervollständigen Sie die folgenden Sätze:

 Das größte Risiko meines Lebens war/ist … in das Pokalendspiel zu gehen, um einen Titel zu holen. Das war ein Risiko. Aber es hat sich auch gelohnt!

Die größte Chance meines Lebens war/ist … habe ich damit auch wahrgenommen, mir etwas zu erfüllen, was vielen Fußballern verwehrt bleibt.

Es sollte dringend eine Versicherung gegen … verbale Ausfälle im Netradio … erfunden werden!

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