Anrempeln: nicht immer eine Lappalie!

Kennen Sie das auch? Sie laufen über einen belebten Platz oder durch die Fußgängerzone. Plötzlich werden Sie angerempelt oder beim Überqueren der Straße von einem Fahrrad oder Auto geschnitten. Natürlich kann so etwas aus Versehen passieren. Ärgerlich ist es aber dann, wenn es dem Rüpel gar nicht leidtut oder er es sogar mit Absicht gemacht hat – aber was dann? Soll man das einfach so hinnehmen?

Vor kurzem war ich in genau so einer Situation: Als ich eine Treppe am Bahnhof herunterging, wurde ich von einem Mann angerempelt, so dass ich 2 Stufen rückwärts strauchelte. Sofort entwischte mir ein: „Was soll das denn?“ Die Reaktion des Mannes hatte ich mir allerdings anders vorgestellt. Statt sich zu entschuldigen, boxte er mir mit voller Wucht gegen die Schulter. Ergebnis: Ein dicker blauer Fleck! Bevor ich reagieren konnte, war er verschwunden. Seitdem treibt mich die Frage um, ob in unserer Gesellschaft immer weniger Rücksicht auf andere genommen wird. Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich mich an eine Expertin gewandt. Maria Plötz ist Polizeibeamtin im Sachgebiet Prävention und Verbrechensbekämpfung in Niederbayern.

Zudem gibt sie Seminare zum Thema Zivilcourage. Die Einschätzung, dass sich Menschen immer rücksichtsloser verhalten, kann sie jedoch nicht teilen. „Ich denke eher, dass viele heute vermehrt auf ihr Recht pochen und anderen weniger entgegenkommen wollen“, so die Polizistin.

Zivilcourage – gibt’s das noch?

Ob sich jemand, der eine andere Person anrempelt oder mit einem Fahrzeug schneidet, glaubhaft entschuldigt, hängt natürlich immer vom Einzelfall ab.

Polizeihauptkommissarin Maria Plötz © privat
Polizeihauptkommissarin Maria Plötz © privat

Dennoch hat mich der Zusammenprall am Bahnhof auch deshalb so erschüttert, weil keiner der anderen Reisenden versucht hat, mir zu helfen. „Leute, die wegschauen, haben bestimmt oft Angst, etwas falsch zu machen“, erklärt mir Maria Plötz. Das ist ihrer Einschätzung nach vor allem dann der Fall, wenn jemand körperlich zu Schaden kommt. „Die Leute hoffen, dass sich jemand anderer fachkundig um den Verletzten kümmert.“ Zudem haben viele Angst davor, selbst zum Opfer zu werden. Denn in den vergangenen Jahren gab es mehrere Vorfälle, bei denen Menschen attackiert und verletzt wurden, die einem Fremden helfen wollten. In Einzelfällen endeten diese Angriffe sogar tödlich. Personen, die Zivilcourage zeigen möchten, sich aber nicht trauen, alleine einzugreifen, rät die Expertin, andere zur Mithilfe anzuregen. Das kann man natürlich auch als Geschädigter tun. Ein wichtiger Tipp: eine konkrete Ansprache, wie: „Sie mit dem roten Pulli, helfen Sie mir!“

Hilfe leisten – aber wie?

Angenommen, man wird Zeuge, wie eine Person eine andere anrempelt oder schneidet. Was sollte man in so einer Situation zuerst tun? Maria Plötz rät, nachzuschauen, ob die geschädigte Person verletzt wurde und entsprechend Hilfe zu leisten. Das Wohl des Opfers hat also oberste Priorität. „Als Zeuge aussagen bedeutet Zivilcourage – insbesondere dann, wenn das Opfer größeren Schaden erlitten hat.“ Es ist zudem sinnvoll, sich einen Überblick über die Schwere des Zusammenpralls und die Anzahl der Angreifer zu verschaffen und entsprechend Hilfe bei anderen Menschen oder bei der Polizei zu suchen, ohne sich selbst zu gefährden. „Hilfe geleistet zu haben bedeutet ein gutes Gefühl“, weiß Maria Plötz.

Sich wehren – darf man das?

Natürlich ging mir die Frage durch den Kopf, wie ich mich gegen den „Boxer“ vom Bahnhof hätte verteidigen sollen, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Aber was ist eigentlich erlaubt? Darf man sich körperlich zur Wehr setzen? Auch diese Fragen stelle ich Maria Plötz. „Grundsätzlich gilt: Sich lautstark zu wehren, ist immer sinnvoll und natürlich erlaubt“, erklärt sie mir. Zudem sollte man sich seiner Rechte bewusst sein. „Im Strafgesetzbuch gibt es die Paragraphen „Notwehr“ und „Nothilfe“. Die regeln, dass sich das Opfer und auch der Helfer im Rahmen der Verhältnismäßigkeit körperlich verteidigen und helfen dürfen, auch wenn sie damit zum Beispiel eine Sachbeschädigung oder eine Körperverletzung begehen. Die Rechtslage lässt es sogar zu, dass man den Angreifer bis zum Eintreffen der Polizei festhält, wenn dies im Zusammenhang mit der Tat steht und der Täter nicht persönlich bekannt ist“, so die Expertin weiter. Erfordert es die Situation, sollte man sofort die Polizei rufen und eine Anzeige erstatten.

Sachschaden – und jetzt?

Das Anrempeln oder Schneiden ist ja eine Sache. Wenn dabei aber zum Beispiel das Handy herunterfällt und kaputt geht, ärgert man sich doppelt. Denn, wenn der Rüpel seine Schuld nicht einsieht, bleibt man auf den Kosten sitzen.

Es gibt eine Option: „Kosten, die aufgrund von solchen Straftaten entstehen und vom Schädiger nicht zu holen sind, können unter Umständen im Rahmen des Opferentschädigungsgesetztes erstattet werden. In den einzelnen Bundesländern kann es noch andere Möglichkeiten geben. Je nach Straftat werden auch die Kosten für einen Rechtsbeistand oder die Prozessbegleitung getragen“, weiß Maria Plötz. Wer sich nach einem solchen Vorfall im öffentlichen Raum unsicher fühlt, kann sich an eine Beratungsstelle wenden. „Institutionen wie der Weiße Ring kümmern sich gerne um die Opfer.“

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