7 Mythen über das Alter(n)

„Und ist es sehr schlimm?“ – „Was denn?“ – „Naja, alt zu sein.“ Diese schmeichelhafte Konversation mit meiner Nichte wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Sie ist gerade 7 geworden und hält mich für alt. UR-alt, um genau zu sein. Ich hingegen fühle mich alles andere als alt. Aber wenn ich es recht überlege … sagen das nicht alle Alten?!

Die Relativität des Alters

Ich erinnere mich. Als Kind war für mich alles und jeder über 25 alt. Ja, es gab besonders Alte und gerade eben Alte aber alt waren sie alle. Und ich erinnere mich auch, diese Altersmarke überschritten zu haben – und mich ganz und gar nicht alt gefühlt zu haben. Nicht mal erwachsen, um ehrlich zu sein. Denn erwachsen, das war man irgendwie erst ab 30. Und alt, naja, vielleicht so ab 50. Diese letzte Zahl wuchs im Laufe der Jahre mit, so dass sie einen kontinuierlichen Sicherheits-Abstand von mindestens 20 Jahren hielt.

Alt oder nicht alt? Das ist hier die Frage.

Heute finde ich, alt beginnt frühestens bei 70. Eben dann, wenn die Gebrechen sich häufen, das Hirn nicht mehr so frisch funkt und auch ansonsten die Freude am Leben erst kaum merklich und irgendwann dann wahrscheinlich rapide abnimmt.

Bei diesem Gedanken wurde ich stutzig. Nach meiner Logik wäre dann ein 100-Jähriger, der fit und lebensfroh ist, gar nicht alt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hilft mir aus der Bredouille: Nach ihrer Definition gilt als alt, wer das 65. Lebensjahr vollendet hat. Meine Nichte lag hier also nicht nur gefühlt, sondern auch ganz faktisch falsch. Die Frage, warum mich das erleichtert, verschiebe ich auf später.

Ein Klischee jagt das nächste

Zurück zum Nicht-alt-Fühlen. Ich dachte immer, ich würde es schon merken, wenn ich die Grenze zum offiziellen Alt-Status überschreite. Weil Alte sich schließlich auch alt fühlen müssen. Was für ein Unsinn, das leuchtete mir nun ein. Ich war einem weit verbreiteten Mythos aufgesessen, von dem es noch viele, viele mehr gibt. Das möchte ich hiermit ändern und lade Sie ein auf eine kleine Reise durch die spannendsten Mythen des Alter(n)s.

Mythos 1: Alte fühlen sich alt

Falsch. Wenn überhaupt könnte man umgekehrt behaupten: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Wobei auch diese Volksweisheit nur eine Halbwahrheit ist. Denn natürlich ändert das eigene Körpergefühl nichts an dem Datum in Ihrer Geburtsurkunde. Das biologische Alter reflektiert viel mehr, wie gut Ihr Körper funktioniert. Die entscheidenden Faktoren sind unter anderem Blutdruck, Körperfettanteil, Knochendichte und Cholesterinspiegel. So kann ein 50-Jähriger, der sich gut um sich kümmert, durchaus die Biologie eines 35-Jährigen haben.

Eine Möglichkeit, die im Zuge besserer Lebensbedingungen und eines gesteigerten Gesundheitsbewusstseins immer öfter zur Realität wird. Das stellte auch der Deutsche Alterssurvey (DEAS) fest. 70-Jährige sind heute so fit und gesund, wie es 60-Jährige noch vor 20 Jahren waren. Von alt fühlen ist da keine Spur – dafür aber von Lebenslust, Selbstverwirklichung und aktivem Leben.

Die Senioren fühlen sich fitter, denn je!
Die Senioren von heute  fühlen sich fitter denn je!

Mythos 2: Im Alter baut man geistig ab

Richtig ist, dass Sie jeden Tag Gehirnzellen verlieren. Falsch ist allerdings die Annahme, dass dies nicht aufzuhalten sei. Die Forschung hat gezeigt, dass bestimmte Gehirnareale, nämlich jene, die mit Erinnerung und Lernen zu tun haben, jeden Tag neue Nervenzellen produzieren. Dieses Wachstum können Sie gezielt fördern und damit die besten Voraussetzungen schaffen, um bis ins hohe Alter geistig fit zu bleiben. Halten Sie Ihr Gehirn mit neuen Tätigkeiten, interessanter Gesellschaft und Lernen aktiv und erweitern Sie stetig Ihren Horizont. Besonders geeignet ist das Erlernen einer neuen Sprache.

Übrigens haben Forscher herausgefunden, dass ältere Menschen oft weitaus „produktiver denken“ als jüngere. Was sich die frischen Gehirne erst neu „erdenken“ müssen, läuft bei den älteren Modellen oftmals automatisch aus Erfahrung ab.

Mythos 3: Für Senioren spielt Sex keine Rolle mehr

Das stimmt nicht unbedingt. Die Lust am Sex ist weniger eine Alters-, als vielmehr eine Typfrage. Wer in jungen Jahren Spaß am Sex hatte, wird das auch mit zunehmenden Jahren beibehalten. Die körperliche Fähigkeit zu einem aktiven und befriedigenden Sexualleben bleibt durchaus bis ins hohe Alter bestehen. Allerdings ergeben sich im Alter schlichtweg weniger Möglichkeiten, so das Ergebnis von Umfragen.

Auch im hohen Alter ist der Austausch von Zärtlichkeiten wichtig.
Auch im hohen Alter ist der Austausch von Zärtlichkeiten wichtig.

Mythos 4: Je älter, desto gebrechlicher

Aber nicht doch! Je fauler, desto gebrechlicher vielleicht. Aber das gilt in jedem Alter. Natürlich ist ein 70-Jähriger nicht mehr so leistungsfähig, wie ein 25-Jähriger. Aber mit regelmäßigem Sport und einem sorgsamen Umgang mit dem eigenen Körper können sich auch ältere Semester noch eines robusten und starken Körpers erfreuen. Sport hält Muskeln in Form und die Knochen in der Kraft, reduziert das Risiko eines Herzinfarktes oder einer Krebserkrankung und tut gleichzeitig Immunsystem und Geist etwas Gutes. Und dafür ist es nie zu spät. Laut Studien können Männer zwischen 60 und 70 Jahren ihre Kraft mit gezieltem Training innerhalb von sechs Wochen um 100 bis 200 % steigern.

Mythos 5: Das Alter macht einsam und unglücklich

Ein Mythos, der wahrscheinlich der Angst der Jungen vor dem Altern entsprungen ist. Tatsächlich hat Glück nichts mit Alter zu tun. Und wenn doch, dann in umgekehrter Weise. Viele Studien haben gezeigt, dass Menschen die sich gesund ernähren, Sport treiben und sozial eingebunden sind, eher mit jedem Lebensjahr glücklicher werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen die Studien von Wirtschaftswissenschaftler Aspen Gorry, der herausfand, dass die späten Jahre sehr häufig sogar die glücklichsten sind.

Auf das Problem von Einsamkeit hat die ältere Generation übrigens kein Monopol. Laut Statistik haben ebenso viele Junge wie Alte unter dem Gefühl von Einsamkeit oder unter Depressionen zu leiden.

Mythos 6: Gesundheit im Alter ist eine Frage der Gene

Ja und nein. Natürlich gibt es bestimmte Anlagen für Erkrankungen, die in Ihrem genetischen Code hinterlegt sind. Welche dieser Anlagen allerdings „aktiviert“ werden, hängt in erheblichem Maße von Ihrer Lebensweise ab. Stresslevel, Schlaf, Training, Atmen, Geist-Körper-Koordination und sogar unsere Gedanken und Emotionen können darüber entscheiden, welche Gene tatsächlich zum Tragen kommen. Auf das „Schicksal der Genetik“ haben Sie also durchaus Einfluss, wenn man der neuen Wissenschaft der Epigenetik glauben darf.

Mythos 7: Bald ist Schluss, älter geht nicht!

Dem widersprechen sowohl die Statistik, als auch die Genom- und Stammzellenforschung. Statistisch betrachtet gewinnen die Deutschen mit jedem Jahr drei Monate Lebenszeit hinzu. Bereits heute wird laut Berechnungen des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung jedes zweite Kind, das heute in Deutschland auf die Welt kommt, über 100 Jahre alt werden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Während sich die äußeren Faktoren für die steigende Lebenserwartung  immer weiter entwickeln, bietet die Genom- und Stammzellenforschung immer weitere Möglichkeiten, unser Leben zu verlängern. Vielleicht werden wir sogar einmal 200 Jahren alt …

Kein Mythos: Alter ist, was ich daraus mache

Der dezente Anstoß meiner Nichte hat mich einige wichtige Fakten über meine Zukunft lernen lassen. Und auch wenn ich noch weit von der offiziellen WHO-Alt-Marke entfernt bin, weiß ich nun schon einmal, was auf mich zukommt. Nämlich genau das, was ich daraus mache. Ein schöner Gedanke, finden Sie nicht?

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte beachten Sie, dass Kommentare erst nach Bearbeitung und Freischaltung veröffentlicht werden. Ihre E-Mail-Adresse wird hier nicht veröffentlicht und nur für die Kommunikation zu diesem Blog verwendet.